Schönreden

Nein, ich bin nicht empfindlich. Das es einen geteilten Buchmarkt in Deutschland gibt, weiss ich auch. Auf der einen Seite die Belletristik, auf der anderen die „Literatur“, wir hatten das Thema schon mehrfach im Blog.
Ihr da oben, wir da unten. Ich bin doch etwas allergisch gegenüber Hochnäsigkeit, gegen das Herabschauen auf andere, weil man meint, etwas Besseres zu sein. Insofern war die Veranstaltung „Bis zum Nobelpreis – die besten Romananfänge und die schlechtesten erotischen Szene“ in der Stadtbibliothek Köln genau nicht nach meinem Geschmack. Bisher kannte ich das Literatur Atelier noch nicht, obwohl es schon seit über 20 Jahren existiert und auch so Autoren wie Marcel Beyer zu diesem Kreis gehörten.

Und schon habe ich nicht ganz unbeabsichtigt den falschen Begriff gewählt, mit einer leicht böswilligen Absicht. Dort im Literatur Atelier sind keine Autoren, nein „Schriftsteller“. Ganz ehrlich, dazu muss man geboren sein. Solche Clubs sind sehr exklusive und der Zugang nicht leicht. Freilich hört man kein „Ey du kommst hier net rein“, sondern bekommt auf andere, ebenso unmissverständliche Weise mitgeteilt, dass man nicht dazugehören wird.

Auch wenn ich gelegentlich zur Übertreibung neige, so trifft es im Kern wohl doch zu, dass man gerne unter sich bleibt. Die feinen Sticheleien von Liane Dirks gegen die Schreibratgeber habe ich wohl wahrgenommen. Was ist denn so schlimm daran, das Schreieben als Handwerk zu begreifen und einen guten Plot umzusetzen? Sprache nur um der Sprache willen zu benutzen, kann man als Kunst gelten lassen. Wie viel Beachtung diese Art der Kunst findet, ist den Herrschaften aber wohl auch selber bewusst. Kaum einer der Schriftsteller aus dem Literatur Atelier, der nicht einem regulären Beruf nachgehen muss und auf Preisgelder, Stiftungen und Förderungen angewiesen ist.

Es wäre müßig, noch weiter auf die Unterschiede von Belletristik und Literatur, von U und E Büchern einzugehen. Stattdessen möchte ich noch mal die Teste durchgehen, die ich am Freitag vorgelesen bekam. Keine chronologische Abfolge, sondern vielmehr nach Punkte, die mit den wenigsten zuerst.

„Also, ich sags gleich am Anfang“ von Martin Mandler. Nicht mal nett, zu viel Meta. Ein Herrumgeschwafel um die schlechteste Sexszene, die dann erst am Ende kam und auch noch ausgeliehen war. Beim einem Poetry Slam würde man damit nicht mal eine Runde weiter kommen, selbst wenn man Text für „Das perfekte Dinner“ schreibt.
Aber ich habe noch etwas vergessen: „Stimmhafter Monolog“ von Bettina Hesse. Vielleicht lag es dran, dass es der vorletzte Beitrag war. Vielleicht war aber auch wirklich einfach nur schlecht, zäh und unerträglich. Wie bei vielen der Texte des Abends drehte es sich um eine Figur mit ihren Problemen und Empfindungen. Auf die Frage, worum es denn am Abend gegangen ist in den Texten, hätte man auch gut mit einem Wort antworten können: Selbstmitleid.

Der Mond war schon längst aufgegangen, doch blieb „Mond – fiktiver Lebenslauf einer Bewerbung“ von Nika Bertram ohne Glanz. Langweilig. Vielleicht sollte man doch zumindest ein oder zwei von den Büchern lesen, die man so vehement für Unfug hält. Gleiches gilt für „Sehr geehrte Masochistinnen und Masochisten“ von Mithu M. Sanyal und „Schwarzes Wasser“ von Ulrike Anna Bleier, die auch noch als Beispiel für einen Romananfang herhalten sollte. Es gibt einen guten Grund, warum Romananfänge auch noch kurz vor der Veröffentlichung eines Buches überarbeitet werden, liebe Leute. Am „narrativen Haken“ ist tatsächlich was dran.

Kommen wir zu den besseren Texten. „Text kommt von Textilien“von Thorsten Krämer war ganz passabel. Durchaus mit Augenzwinkern. Für jede Textkritik ein Kleidungsstück ablegen. Gut das ich das hier zu Hause nicht machen muss, denn trotz eingeschalteter Heizung könnte ich mir was wegholen.

Die Texte von Marie T. Martin waren gut, ohne Zweifel. Aber nicht literarisch wertvoll, wenn man das mal so sagen darf. Da kenne ich bessere von ihr. Mir war auch nicht ganz klar, warum als Einzige dreimal vorlesen durfte. Die „fiktive Stipendiumsauschreibung Ottersburg“, „fiktives Tagebuch der Stipendiatin von Ottersburg Teil 1“ und dann Teil 2. Die Lacher im Publikum warne für mich auch nicht nachvollziehbar. Man konnte über den Text schmunzeln, ja. Aber richtig komisch, nein.

Die Geschichte von Leonhard, ein Mann im Ruhestand, der seien Frau verlässt und eine Beziehung mit einer anderen anfängt, ein Stück aus dem Roman „Einen Sommer lang“ von Kerstin Maria Pöhler war hörenswert. Wie würde wir das sagen? Dreidimensionale Figuren. Schön zu hören, machte neugierig auf das Buch.

Den für mich mit Abstand, deutlichem Abstand besten Text hat Ruth Löbner vorgelesen. „Letzte Worte“. Eine eindringliche Szene von einer Tochter, die ihren Vater, der eine Pflegefall ist füttert. Ein Text, der einen noch länger beschäftigt, an dem man sich abarbeitet, die Feinheiten entdeckt, erahnt, was in der Familie vorgefallen war.

Jenseits dieser Texte liegen die zwei Beiträge von Sibylle Luithlen zum Thema „Warum tut man sich das eigentlich an?“ und „Wie lassen sich Autoren vom Schreiben ablenken?“. Die Antworten und Beschreibungen passten auf uns alle, die wir schreiben. Es gibt also trotz allem Gemeinsamkeiten.

Am Ende des Abends nahm ich dann mit nach Hause: einen gemischten Eindruck (fein abgeschmeckt), die Lust auf anspruchsvolle Texte (siehe Samstag) und das Gefühl, einer insgesamt doch lohnenswerten Veranstaltung beigewohnt zu haben.

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