Friedhof der toten Texte

Es gibt diese Momente im Leben eines Autors, wo er erkennen muss, dass ihm ein Text unter der Hand weggestorben ist. Manchmal kommt er von selber drauf, manchmal erst durch Hilfe von außen.

Ein toter Text, was ist das? Von einem toten Text kann man sprechen, wenn die Geschichte, die man eigentlich erzählen wollte, nicht funktioniert. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Vielleicht war die Idee zu dürftig, dass sie die Erzählung nicht trägt. Oder es gibt logische Fehler, welche die gesamte Konstruktion zum Einsturz bringen. Manchmal reicht es auch aus, wenn man zu ambitioniert war und sich verrannt hat. Eher seltener liegt es an sprachlichen Mängeln, denn daran lässt sich arbeiten.

Sicher lässt sich einwenden, dass auch die anderen Gründe kein wirkliches Hindernis auf dem Weg zu einem guten Text darstellen müssen. Oft ist genau dies aber nur eine Illusion. Der Text ist tot, man hat es nur nicht eingesehen. Er wandelt durch den Schreiballtag eins Autors wie ein Zombie. Am Geruch und seinen holprigen Bewegungen müsste man selber, der meinte, diese Kreatur lebe doch noch, das Gegenteil erkennen. Man vermag es dennoch nicht immer. Klammert sich an seinen Text, schreibt da etwas um, fügt eine neue Szene hinzu, streicht dafür andere. Dennoch wird es nicht besser, sondern eher noch schlimmer. Je mehr Zeit man in ein Projekt hineingesteckt hat, desto schwerer fällt es einem, sein Scheitern einzugestehen. Sämtliche Ausfahrten werden übersehen, bis man an das unvermeidbare tote Ende kommt. Sackgasse, wenden nicht möglich.

Allerdings, und das ist das tückische an der Dache mit den toten Texten, darf man es sich nicht zu leicht machen und den Text zu früh beerdigen. Ungeduldige Naturen unter den Autoren neigen dazu, so manchen Text irrtümlich zu beerdigen – nur weil er ihnen grade zu viel Mühe macht. Richte Dosis Geduld ist nötig, um aus dem rohen Felsen das Stück Text zu meißeln, an denen sich andere später erfreuen können.

Am vergangenen Sonntag habe ich einen Text beerdigt. Meine Geschichte zu „Nur eine Stunde“. Das ging nur mit fremder Hilfe, denn ich habe nicht sehen wollen, wie tot der Text Berits war. Dabei waren die Zeichen überdeutlich. Über die Hälfte des Textes bestand auf Anmerkungen, die nicht erst durch die Überarbeitung dort reingekommen sind. Trotz des schmerzlichen Verlustes war es eine Bereicherung für mich, eine wichtige Erfahrung. Für einen Autor sind Vorarbeiten wie zum Beispiel Recherche wichtig. Es gibt aber einem Punkt im Projektverlauf, wo man unbedingt den inneren Kritiker ausschalten und einfach schreiben muss. Nicht mehr denken, nur noch schreiben, sich dabei am Exposé und den kurzen Beschreibungen für die einzelnen Szenen orientieren. Schafft man es nicht, in diesen Zustand zu kommen, wo der Text einfach nur fließen sollte, stimmt was grundsätzliches nicht. Man reiht nur Wörter und Sätze aneinander, die aber kein stimmiges Gesamtbild ergeben.

Was mit gut über den Verlust des einen Textes geholfen hat, war das Auftauchen einer neuen Idee. Sie war einfach da, eine Geschichte, die erzählt werden wollte. Ganz ohne Serienmörder und schwierig zu beschaffende Chemikalien. Selbst für die Vorgabe, „Nur eine Stunde“, musste ich nicht mit dem Vorschlaghammer einen Zeitdruck in den Text hineinprügeln.

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