Symbole verstecken

Im Deutsch Leistungskurs wurden wir, zumindest ich empfand das so, mit Interpretationen gequält. Was hat der Autor sich dabei gedacht? mein Standpunkt dabei war: Muss er sich was dabei gedacht haben?

Mittlerweile bin in deutlich weiter. Zunächst einmal, weil ich die Vorgehensweise im Deutschunterricht (zumindest die damalige) für falsch halte. Das sage ich nicht nur als Leser und Autor, sonder auch vor einem ordentlichen didaktischen Hintergrund (Deutsch im Lehramtsstudium…). Aus meiner heutigen Sicht sind übermäßige Interpretationen ein Irrweg. Statt dessen sollte man mit den Schülern die handwerklichen Aspekte einer Geschichte durchsprechen. Wirkung der Erzählperspektive, Cliffhanger, Spannungsmomente und ähnliches. Erstens sind das überprüfbare Fakten (im Gegensatz zu einer Interpretation, die immer subjektiv ist) und Zweitens nimmt das nicht die Lust am lesen – im Gegenteil. Wer lernt, was die Geschichte „im innersten zusammenhält“ bekommt nicht nur Respekt vor der Arbeit des Autors, sondern unter Umständen auch Lust, selber zu schreiben.
Kommen wir aber zum anderen Aspekt. Nicht nur, aber gerade bei Kurzgeschichten habe ich früher nie glauben wollen, dass der Autor darin etwas vor dem Leser absichtlich verbergen wollte. Das es Sätze und Bilder gibt, die dechiffriert werden wollen. Jetzt, selber schreiben, habe ich einen enormen Spaß daran, insbesondere bei Kurzprosa mehre Eben einzubauen, Brotkrumen zu streuen und Symbole zu verstecken. Man fragt sich jetzt vielleicht, wie so was geht. Dafür gibt es mehr Möglichkeiten, als sich in einem Abend beschreiben lässt. Aber ich werde versuchen, ein paar Beispiel vorzutragen.

Beispiel I: In einer Geschichte sollen Hintergründig religiösen Motive auftauchen. Sehr deutlich für die christliche Religion steht das Kreuz. Statt es plump im eigentlichen Text zu erwähnen oder anzudeuten, kann es sich auf einer ganz anderen Ebene befinden. Statt einer linearen Handlung legt man zwei Stränge an, die sich kreuzen. So was ist auf Anhieb nahezu unmöglich zu erraten, also muss man für den Leser Hinweise im Text unterbringen. Zwei Figuren, deren Handlunge wir bisher getrennt verfolgt haben treffen auf einander (ihre Lebenslinien kreuzen sich). Bei einem gemeinsamen Abendessen bricht der eine das Brot für sie beide. Einer von ihnen kommt später zu Tode – an dieser Stelle kann jeder für sich selber überlegen, ob es die Schuld des anderen war, der ihn verraten hat, oder ob er für den anderen gestorben ist oder…

Beispiel II: Spiel mit einem klassischen Märchenmotiv, dass des bösen Wolfes. Im Märchen frisst der Wolf die Großmutter. In der Geschichte soll der Wolfe lediglich ein Symbol sein. Ein alte Frau leidet an Krebs = der böse Wolf, der sie von innen heraus auffrisst (für Interessiert: das war meine Vorgehensweise bei der Kurzgeschichte „Der böse Wolf“).

Beispiel III: In einer kleiner Stadt tragen plötzliche alle Einwohner gelbe Schuhe. Die Hauptperson bekommt es mit der Angst zu tun. Was bedeuten diese gelben Schuhe? Eine Frage, die sich jeder Leser von Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ stellt. Sie könnten für Verrat, für die Käuflichkeit der Bürger stehen.

Ein weiteres Beispiel ist das Spiel mit Symbolen in dem Roman „Sakrileg“ von Dan Brown. Eine sehr spannende Analyse, gerade auch in Bezug auf die handwerkliche Vorgehensweise kann man bei Fritz Gesing in „Kreativ Schreiben für Fortgeschrittene: Geheimnisse des Erfolgs“ nachlesen (ich persönlich finde es besser als den Vorgänger zum gleichen Thema von ihm).

Wer sich, motiviert durch diesen kurzen Anriss, dran macht, Geschichten bewusster zu lesen, noch mal genau hinschaut, wird feststellen, dass diese Form der literarischen „Schatzsuche“ einen ganze eigenen Reiz entfalten kann. Eins sollte man sich dabei jedoch als Leser vor Augen führen: ein Richtig oder Falsch gibt es nicht – vor allem keins, was sich in Form einer Note ausdrücken lässt.

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