Lokale Bezüge Praxis

Im ersten Teil von „Lokaler Bezug“ ging es darum, wann ein solcher Bezug sinnvoll ist und wo eher austauschbares Beiwerk bleibt. Die fehlenden Praxisbeispiel werden in diesem zweiten Artikel zum Thema nachgeholt.

Steigen direkt ein in die nachfolgende Szene. Zwei Männer stehen in einer Bäckerei, mit einem Pott Kaffee vor sich. Einer von ihnen hat sich eine Zeitung gekauft. Zunächst ohne lokalen Bezug:

Herman stöhnt. Der Regen draußen musste nicht sein. Ihre Arbeit würde nicht leichter dadurch. Wilfried neben ihn hielt sich an seinem Kaffee fest. Zumindest etwas, worauf man sich um diese Uhrzeit freuen konnte. Er schlug die Zeitung.
„Man das glaubst du nicht.“

Im nächsten Schritt dann mit lokalen Bezugsrahmen:

Jupp stöhnt. Der Regen draußen musste nicht sein. Ihre Arbeit würde nicht leichter dadurch. Manes neben ihn hielt sich an seinem Kaffee fest. Zumindest etwas, worauf man sich um diese Uhrzeit freuen konnte. Er schlug den Express auf.
„Leck mich en de Täsch.“

Im zweiten Beispiel wurden nur vier Veränderungen vorgenommen, der Rest ist identisch zum ersten Text. Zunächst einmal fallen die veränderten Vornamen auf. Allein schon durch die Namen soll ein Bezug zur Stadt im Hintergrund, die man in der Szene nicht sieht (dazu später mehr) geschaffen werden. Der nächste eingestreute Begriff ist „Express“. Ein Art Kölner-Bild(man sehe mir als Imi diesen Vergleich nach). In der wörtlichen Rede kommt dann der deutlichste lokale Bezug durch den verwendeten Ausspruch, der so viel heisst wie „Leck mich in der Tasche.“ und ein Ausdruck des Erstaunens darstellt.

Entsteht so ein regionaler Bezug? Nein. Selbst wenn man es noch ausbaut, bleibt der Bezug eine Fassade. Es wird auch nicht besser, wenn zwischen den beiden Figuren der gesamte Dialog auf Kölsch geführt wird (Dialekt ist im Übermaß immer fehl am Platz in Prosatexten).

Um einen echte Bezug zu schaffen (möglicherweise für einen Krimi), braucht es schon etwas mehr. Für den dritten Versuch der Szene muss daher nicht nur etwas umgestellt werden, sondern die beiden Figuren brauchen auch einen Beruf, der einen Bezug zu Köln hat. Nehmen wird also an, sie arbeiten bei der AWB (das sind die Abfallwirtschaftsbetriebe Köln, die sich nicht nur um den Hausmüll kümmern). Jetzt braucht es noch eine Tätigkeit, die spezifisch ist. Sie werden also dafür verantwortlich sein, morgens in aller Frühe die Domplatte und die Treppe zum Bahnhof zu reinigen:

Jupp stöhnt. Der Regen letzte Nacht hatte viel zu viel für sie auf der Domplatte über gelassen. Manes neben ihn hielt sich an seinem Kaffee fest. Zumindest etwas, worauf man sich um diese Uhrzeit freuen konnte. Er schlug den Express auf.
„Leck mich en de Täsch.“
Auf Seite zwei starrte ihn der Obdachlose von vorhin an.
„Jürgen Risk verschwunden. Leiter der Kreditabteilung bei Sal. Oppenheim wurde zuletzt am Samstag Abend gesehen.“

Typisch für Boulevardzeitung ist an der Stelle die eher „ungenaue“ Wiedergabe der Fakten. Im Kölner Stadt-Anzeiger wird später zu lesen sein, dass der Vermisste im Bereich Credit Risk Controlling gearbeitet hat.

Ob das Ganze einen echten lokalen Bezug hat, hängt tatsächlich von der Handlung ab. Die Szene oben könnte aus einem Krimi stammen, bei dem der Dicke Pitter eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Der Klöppel der Glocke wurde vor längere Zeit heimlich durch ein Replikat aus billigem Material ersetzt. Nach dem dieser Anfang Januar dann abbrach, werden Untersuchungen angestellt. Dabei kommt heraus, dass ein Privatbank und mehrere Kölner Firmen in einen handfesten Skandal verwickelt sind. Oder in eine Verschwörung zur Ermordung des Kardinals. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Auf diese Weise wird der Text tatsächlich ein Text mit lokalem Bezug. Die Einstreuungen von Namen und Begriffen und die moderate Verwendung der Mundart sind dann die Sahne auf dem Kuchen.

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