10 Schreibregeln, Teil II

Im zweiten Teil werfen wir einen Blick auf die Regeln fünf bis zehn von Elmore Leonard. Wie auch im ersten Teil werde ich wieder die Regel übersetzen und mit eigenen Anmerkungen und Erläuterungen anreichern.

6. Niemals ‚plötzlich‘ oder Formulierungen wie ‚brach die Hölle los‘ verwenden

Für Leonard bedarf diese Regel keine Erklärung. Er merkt zwar noch an, dass Autoren, die solche Formulierungen verwenden auch der exzessive Einsatz von Ausrufezeichen gefallen könnte (er schreibt es tatsächlich etwas anders), aber wirklich weiter hilft es nicht. Warum soll man nicht ‚plötzlich‘ verwenden? Schauen wir uns zwei Beispiele an:

Fritz ging über die Straße, als plötzlich ein Auto um die Ecke kam.
Marias Großvater verstarb plötzlich.

Kann man sich beide Sätze auch ohne ‚plötzlich‘ vorstellen? Sehr gut sogar, ohne dass sie irgendwas von ihrer Aussage verlieren. Abgesehen davon, dass die Ereignisse für den Autor nicht plötzlich eintreten (denn schließlich schreibt er die Geschichte), sagt uns ‚plötzlich‘ nichts. Der Autor versucht nur, beim Leser einen Moment der Überraschung zu erzeugen, er drängt sich also wieder in den Vordergrund. Das geht sehr gut auch anders wie uns andere Autoren zeigen. So schafft es John Irving in „Hotel New Hampshire“, die halbe Familie auszulöschen, ohne ‚plötzlich‘ zu verwenden. Als Leser ist man trotzdem ziemlich überrascht.

7. Dialekte und Mundarten sparsam einsetzen

Statt auf die Erläuterung von Leonard einzugehen, die an dieser Stelle nicht weiterhilft, weil die Verwendung Apostrophen in Deutschland etwas anders gehandhabt wird, lieber ein Beispiel mit angehängtem Beipackzettel:

Sie wulle he om Maat een Stand kaufe und han mich jefrocch, ob ich inne net helfe künnt.

Un ich darf noch net ens her oprüüme.
aus: ‚Tutti Frutti‘ von H.J. Walterscheidt

Sofort bei ersten Mal lesen alles verstanden? Respekt. Für solche und andere Versuche, Mundart oder Dialekt abzubilden, gilt ansonsten das, was Angela Leinen (in: ‚Wie man den Bachmannpreis gewinnt: Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben‘) zum gleichen Thema schreibt schreibt: „Wenn der Leser sich die Dialoge laut vorlesen muss, um überhaupt etwas zu verstehen, hört er den Protagonisten nicht mehr richtig zu. […] Einen leicht lesbaren Kunstdialekt erfinden, der Besonderheiten im Satzbau berücksichtigt und einzelne verständliche Spezialbegriffe enthält.“

8. Detaillierte Figurenbeschreibungen vermeiden

Jeder von uns stellt sich Romanfiguren unterschiedlich vor (das macht, nebenbei bemerkt, auch Verfilmungen etwas immer schwierig, da dadurch Enttäuschungen vorprogrammiert sind). Wer seine Figuren wie für einen Steckbrief beschriebt, langweilt nicht nur den Leser mit Details, sondern drängt ihm auch ein ganz bestimmtes Bild auf, dass nicht das nicht seins ist. Gerade auch, wenn zwei Figuren zum ersten Mal aufeinander treffen, sind umfangreiche Beschreibungen nicht nötigt. Wer das nicht glaubt, sollte sich selber beobachte, wenn er anderen Menschen (am Bahnhof, Flughafen, Bücherei etc.) begegnet. Was einem auffällt, sind nicht alle Eigenschaften eines Menschen, sein Aussehen, seine Haarfarbe usw., sondern einzelne Merkmale:

Der Mann mit zwei Wurstbrötchen in der Hand.
Die Frau mit dem schweren Koffer.
Der Lodenhut mit dem Dackel auf dem Arm.

Mehr brauch es (fast) nicht, wir sehen alle die Figuren vor uns. Das sie bei jedem anders aussehen, ist nicht wichtig, wichtig ist nur die Geschichte.

9. Keine aufwändigen Beschreibungen von Szenen oder Gegenständen

Ausschweifende Landschaftsbeschreibungen gehören dazu genauso wie die detaillierte Aufzählung dessen, was sich alles in der Wohnung befindet, in der sich die Figur gerade befindet. Geht die Figur ins Schlafzimmer, muss man nicht das Bett darin beschreiben; man muss es nicht mal erwähnen, da die Leser davon ausgehen, dass sich im Schlafzimmer ein Bett befindet. Beschrieben werden sollten nur die wirklich auffälligen Abweichungen. So empfiehlt es auch Angela Leinen:

Die Sehnsucht, das eigen Heim aussehen zu lassen wie im IKEA-Katalog, ist offenbar ziemlich verbreitet. Wenn es wirklich nötig ist, zeitgenössische Wohnungen zu beschreiben, genügt es im Normalfall, ein oder zwei Abweichungen vom IKEA-Katalog zu benenn.
Angela Leinen ‘Wie man den Bachmannpreis gewinnt: Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben, S. 122’

Abweichung von der Regel sind allerdings auch möglich: Die Beschreibung einer bestimmten Landschaft in allen Details kann auch deshalb bedeutsam sein, weil die Landschaft für die Handlung von enormer Bedeutung ist oder aber die Landschaft ein Teil der Handlung (quasi eine Figur) ist.

10. Die Teile weglassen, die der der Leser wahrscheinlich überspringen wird

Je weniger passiert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Leser weiter blättert. Alles, was überladen ist, weitschweifige Beschreibungen – interessiert den Leser höchstwahrscheinlich nicht. Überflüssiges einfach streichen. Die Regle ist für Autoren vermutlich die schwierigste, weil man mit einer gewissen ‚Betriebsblindheit‘ geschlagen ist. Im Zweifelsfall wird einem aber der Lektor (sofern man einen hat) ganz genau sagen, was raus muss.

Die Regel zehneinhalb als Ergänzung von mir noch dazu: Ein Teil der Regeln von Leonard gilt nicht für bestimmte anspruchsvolle Formen der Literatur, bei denen der Aspekt der Kunst bedeutsamer ist als die Unterhaltung des Lesers.

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