Figurenkapazität

Figurenkapazität

Vieles im Buch von James N. Frey „Wie man einen verdammt guten Roman Schreibt“ gibt, halte ich für verdammt oberflächlich. Dennoch finden sich ein paar brauchbare Ansätze und Erklärungen bei Frey.


Eine davon ist die so genannte „Maximale Figurenkapazität“. Was ist damit gemeint? Jede fiktive Figur hat ein durch den Autor festgelegtes Persönlichkeitsprofil. Der Autor gibt ihnen bestimmte Fähigkeiten, Sorgen und Ängste mit auf den Weg. Der Leser macht sich ein Bild vom Charakter der Figur und erwartet zu recht, dass die Figur entsprechend ihrem Profil handelt. Ein Beispiel:

Lars ist seit 10 Jahren Feuerwehrmann. Für die Rettung eines kleinen Kindes aus einem brennenden Haus wurde er von Bürgermeister seiner Stadt ausgezeichnet. Zu Weihnachten ist Lars bei seinen Eltern, die den Tannenbaum mit echten Kerzen geschmückt habe. Während des Essens entzündet sich ein Tannenzweig, kurze Zeit später steht der Baum in Flammen.

Wie wird Lars jetzt reagieren? Wenn er zögert, ängstlich erscheint oder gar in Panik verfällt, handelt er deutlich unter seiner maximalen Figurenkapazität. Wir erwarten von ihm, dass er allein schon auf Grund seines Berufes und seiner Erfahrung das Feuer entweder schnell in den Griff bekommt oder zumindest souverän reagiert. Tut er das nicht, wirkt er unglaubwürdig.

Genau so, wie eine Figur unter ihren Möglichkeiten bleiben kann, gibt es auch Fälle, wo sie die Grenzen ihres Potentials überschreitet. Nehmen wir zum Beispiel Luise:

Luise, eine Frau Anfang zwanzig, hat seit ihrer Kindheit Angst vor tiefem Gewässer. In immer wiederkehrenden Träumen sieht sich selber von Oben im Wasser ertrinken. In einem etwas kälteren Winter friert der See vor dem Dorf, in dem sie lebt, zu. Luise beschließt, auf dem See Schlittschuh zu laufen.

Je länger man über die Szene nachdenkt, desto weniger erscheint sie problematisch zu sein. Luise handelt, wenn sie Schlittschuh läuft, immer noch glaubwürdig. Sie würde, wie Frey es nennt, den „Würde sie wirklich…“-Test bestehen. Auf Anhieb ein Beispiel für die Überschreitung der maximalen Figurenkapazität zu finden, ist offensichtlich nicht ganz so einfach. Versuchen wir es mit einem anderen Beispiel:

Richard ist ein schüchterner 14-jähriger Junge. Sehr in sich gekehrt interessiert er sich hauptsächlich für Bücher. Nach den Sommerferien erzählen viele seiner Mitschüler, dass sie was mit einem Mädchen laufen hätten. Um mitzuhalten, spricht Richard eine ältere Schülerin auf dem Schulhof an.

Die entscheidende Frage an dieser Stelle ist, ob Richard das tatsächlich tun würde. Ich denke nicht. Richard würde nicht mal ein Mädchen aus seiner Klasse ansprechen. Er ist schüchtern, ein Bücherwurm. Es gibt keinen ersichtlich Grund, warum er sich plötzlich traut, sogar eine ältere Mitschülern anzusprechen. Als Leser stolpert man daher über sein Verhalten. Richard ist nicht mehr glaubwürdig.

3 Replies to “Figurenkapazität”

  1. Hi Thomas,

    warum sollte Richard den nicht sich weiter entwickeln können? Warum erscheint es so als wäre die Figur nicht mehr glaubwürdig? Weil meiner Meinung nach uns Informationen fehlen!

    Angenommen Richard würde einfach mal über seinen Schatten springen. Ein älteres Mädchen einfach mal so ansprechen um seine „Blockaden“ abzubauen. Einfach den Schritt mal wagen und die Initiative ergreifen und handeln.

    Seine Handlung könnte mehrere Ursachen/ Gründe haben. Glaubwürdigkeit ist meiner Meinung nach immer so eine Sache. Als Leser muss es mir zum Anfang nicht als Glaubwürdig erscheinen. Die „Figur“ entwickelt sich im laufe der Zeit und der Geschichte!

    Wie oft lesen und sehen wir „Figuren“ im laufe der Geschichte über sich hinauswachsen? Genau ziemlich oft sogar. Und schließlich wächst man ja mit seinen Aufgaben.

    Gebe zu, dass ich aus diesem kurzem Beitrag nicht wirklich ersehen kann, was für ein dafür oder ein dagegen sprechen soll. Mag sein das es zu dem Thema „Figurenkapazität“ Logische zusammenhänge geben mag, welche dem „Klischee“ entsprechen würden! Dennoch bin ich der Meinung das man was es Erwartungen an eine „Figur“ angeht durchaus auch daneben liegen sollte bzw. könnte!

    Wie oft hat man in „Romanen“ Figuren die nicht so handeln und sich weiterentwickeln obwohl wir als Leser dies voraussetzten?

    Ich gebe zu das ich, was es das Thema angeht, keine Ahnung habe und gestehe offen und Ehrlich, dass ich zu dem Thema „Schriftsteller“ „Schreiben“ und oder ähnliches, bis dato nur sehr wenig Fachliteratur gelesen habe. Wenn es hoch kommt, waren es zwei oder drei Bücher!

    Bei diesen habe ich auf den ersten Blick immer gedacht das die Ausführungen ziemlich logisch und einem ersichtlich vorkommen. Dennoch kann und sollte man vieles was bekannt ist einfach mal über Bord werfen und sein eigenes Ding machen!

    Ich glaube ich bin vom Thema leicht abgekommen ;-) man möge es mir verzeihen!

    1. Richard könnte aber nur über seinen Schatten springen, wenn es vorher eine Entwicklung gegeben hat. Gibt es die nicht, handelt er unglaubwürdig. Anderes Beispiel: Wenn jemand Höhenangst hat, legt er die nicht von heute auf morgen ab und macht Freeclimbing. Du schreibst selber, dass die Figuren „im kaufe der Zeit und Geschichte“ über sich hinauswachsen (können). genau genommen müssen sie das in den meisten Fällen auch, denn sonst ist die Geschichte langweilig. Wichtig dabei ist aber, dass das Hinauswachsen für den Leser nachvollziehbar ist. Es darf sich nicht schlagartig vollziehen. Das Beispiel mit Richard ist eben nur ein Beispiel, keine vollständige Geschichte. Wenn ich Richard schlecht in Mathe ist und Nachhilfe bei einer älteren Schülerin bekommt, sieht es schon wieder ganz anders aus.

      Zu sehr darf man überings die Erwartungen des Lesers an eine Figur nicht enttäuschen, da man zu Beginn einer Geschichte (eines Buches) einen Vertrag mit eingeht (wie es so schön heisst). Führe ich den Leser an der Nase herum, verärgere ich ihn, wer wird das (schlechte) Buch weglegen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren