Wie ich fast mal Leben rettete

So weit mir bekannt ist, teilte meine Eltern zwei Grundüberzeugungen. Zum einen die, dass ich unbedingt in irgendeinen Verein musste und zum anderen, das Sport mir gut tun würde. Naturgemäß sah ich beides ganz anders. Geholfen hat das jedoch nicht sehr viel, da zu dem Zeitpunkt meine Beine noch unter dem elterlichen Tisch steckten. Was beide Konfliktparteien zu dem damaligen Zeitpunkt noch nicht wussten, dass dies der letzte Versuch sein würde, mich auf diese Weise dran zu kriegen. Da die Tochter von Bekannten aus dem Kegelklub meiner Eltern Mitglieder in der Deutschen Lebens Rettungs Gesellschaft, kurz DLRG, war, hielten meine Erzieher es für eine prima Idee, auch mich dort reinzupressen. War ja auch praktisch, wenn man den Sohn nur alle vierzehn Tage mit dem Auto zum Schwimmen fahren musste, da man eine elterliche Fahrgemeinschaft bildete. Ob mir so was gefällt, wurde selbstverständlich nicht gefragt. Immerhin, ich musste nicht weite Strecken mit dem Fahrrad und nassen Haaren fahren.

Nicht das irgendwelche Missverständnisse aufkommen. Ich mag schwimmen, wirklich. Was ich aber nicht mag, sind alte und beklemmende städtische Schwimmbäder. Die wirken auf mich wie eine Art geistiger Fußpilz. Am liebsten schwimme ich ruhig meine Bahnen, ab und an etwas tauchen. Dann schön alleine duschen und wieder alleine anziehen. Öffentliche Zurschaustellung meines Körpers oder Teile davon liegen mir nicht. Gut, die DLRG ist kein FKK-Veranstalter. Immerhin etwas. Die weiteren Begleitumstände waren allerdings wenig erfreulich. Schwimmen in Badehose ist die normale Variante, die nicht in Frage kommt, wenn man dazu gedrängt wird, den Lebensrettungschein in Bronze zu machen. Dafür muss man schon mal in extra dafür zur Verfügung stehende Baumwollüberkleidung schlüpfen und ins Wasser springen. Das Zeug am Körper saugt sich dann schön voll, ist nicht nur schwer und hindert beim schwimmen, sondern zieht einen noch in die Tiefe. Simuliert werden soll damit der Versuch, jemanden im Wasser zu retten, ohne das man sich vorher umgezogen hat. Klingt auch einleuchtend, denn wenn jemand ertrinkt, kündigt er das vorher nicht an, damit sich der potenzielle Retter noch schnell die Badehose anziehen kann.

Bei dem Szenario fehlt allerdings noch etwas. Lebensretter in spe. Vorhanden. Unbequeme Kleidung, die nicht zum schwimmen geeignet ist. Vorhanden. Der Ertrinkenden. Fehlt. Leider nur für kurze Zeit, denn der sehr stabile, um es höflich auszudrücken, Übungsleiter stellt sich mit geradezu sadistischer Freude zur Verfügung. Als besondere Eigenart haben es Ertrinkende an sich, dass sie panisch und irrationell reagieren und in Todesangst kräftiger als sonst sind. In ihrer Verzweiflung klammern sie sich an ihren Retter, sehr gerne auch um seinen Hals und ziehen ihn damit unweigerlich in die Tiefe. Wenn alles falsch läuft, wird in solchen Fällen dann in der Lokalzeitung von zwei Toten berichtet.

Der Übungsleiter war ein sehr überzeugendes Ertrinkungsopfer. Zum Glück saßen bei mir damals die Rettungsgriffe, so dass ich mich vor dem Ausgehen der Luft unter Wasser aus der Umklammerung lösen konnte und ihn so in die Zange nahm, dass er sich ohne weiteren Widerstand abschleppen ließ. Die weiteren Bestandteile der praktischen Prüfung brachte ich auch hinter mich, wobei das Tauchen nach Ringen im Vergleich zum Retten des Übungsleiters eine einfache Aufgabe war.

Um ein Lebensretter zu werden, muss man auch den theoretischen Teil abschließen. Dazu gehört ein erweiterter Erste-Hilfe-Kurs einschließlich Otto, der Puppe zum trainieren der Wiederbelebung per Herzmassage und Mund-zu-Mund Beatmung. Am Ende der Theorie steht dann eine schriftliche Prüfung. Vor dieser bekam ich an einen Schnuppertag gezeigt, was mich künftig im Sommer erwarten würde. Wache schieben am Auesee in knallend heißer Sonne, während sich andere im Wasser vergnügen. Als Lohn hätte ich dann möglichweise noch einen Übergewichtigen Oberhausener mit Mundgeruch aus dem Wasser ziehen dürfen. Das waren wenig verlockende Aussichten. Natürlich träumt jeder Lebensretter davon,was junges, hübsches, weibliches aus dem Wasser zu ziehen – spätere Dankbarkeit des Opfers nicht ausgeschlossen. Die Chancen, im Auesee von einem Hai angegriffen zu werden, lagen allerdings deutlich höher. Der Tag der theoretischen Prüfung kam und verging. Allerdings ohne mich. Somit blieb es dann beim nur fast erworbenen Lebensrettungsschein. Erfreulicherweise endete mit meiner Weigerung auch das Kapitel der Sportvereine. Der Auesee allerdings blieb und lockte mit neuen Herausforderungen.

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