Labertasche

Wenn ich mich recht entsinne, habe ich es, glaube ich, schon mindestens einmal erwähnt: ich brauche morgens meine Rituale (von der Snooze-Taste bis hin zur Zeitung beim Frühstück) ebenso wie meine Ruhe. Was ich nicht mag, ist morgens schon vollgequatscht zu werden (aus diesem Grund läuft bei uns morgens auch kein Radio). Zu Hause hat sich DER CHEF damit mehr oder weniger arrangiert (hoffe ich zumindest). Auf dem Weg zur Arbeit klappt das leider nicht so ganz.

Es gibt immer wieder Mitreisende (gerade auch unter den täglichen Pendlern), die sich als wahre Labertaschen erweisen, deren Logoröh schon pathologische Züge hat. Zu solchen Menschen gehört auch Frau S., die fast täglich von Bielefeld nach Essen fährt und es immer wieder schafft, wildfremde Reisende in lange Gespräche zu verwickeln.

Ich bin sicher kein Frauenexperte und würde daher keine Vermutung darüber anstellen wollen, ob dies Folgen der Wechseljahre sind oder nicht. Aber wie dem auch sei, mich persönlich nervt solche Anbiederei extrem. Besonders dann, wenn diese aufdringliche Person in meiner Nähe sitzt. Mit mir hat sie auch schon mehrfach versucht, eine längere Unterhaltung zu führen.

Wohlgemerkt, die Frau ist sicher nicht dumm und bekleidet auch eine Führungsposition in einem großen deutschen Unternehmen (Details lasse ich mal aus Gründen des Datenschutzes hier weg, obwohl sie selber jedem auf die Nase bindet, für wen sie arbeitet). Aber es ist schon merkwürdig, was für komische Sachen die Frau erzählt. So ist zum Beispiel davon überzeugt, dass immer mehr Männer bereits in frühen Jahren eine Glatze bekommen, weil die Lebensmittelindustrie Wirkstoffe zur Senkung der Zeugungsfähigkeit in unsere Nahrung mischt.

Als Ingenieurin hat sie auch einen hervorragenden Plan, um das Abschmelzen der Polkappen zu verhindern: riesige Schneemaschinen, die die permanent nachts eine schützende Eisschicht erzeugen, die dann tagsüber abschmelzen kann, ohne dass darunter liegende Eis zu Schaden kommt. Auch der AIDS-Virus ist selbstverständlich eine Erfindung der westlichen Industrienationen, um das afrikanische Volk auszurotten.

Mich spricht sie grundsätzlich immer mit „junger Mann” an – bei ihrer Neugier werde ich ihr auf gar keinen Fall meinen Namen verraten, denn dank Google und Blog wüsste sie dann viel mehr, als mir lieb wäre. Nach wie vor ist sie ja der festen Überzeugung, dass ich unhöfflich und uncharmant bin. So verdreht sich die Wirklichkeit. Ich selber sehe mich eigentlich nicht als jemanden, der unhöfflich ist. Außer natürlich zu Menschen, die mir gehörig auf die Nerven fallen und da schließt sich dann wohl wieder der Kreis.

Gestern Abend gab es dann den (vorläufigen, fürchte ich) Höhepunkt. Gegenüber einem Mitreisenden, den sie natürlich noch nie zuvor gesehen hatte, plauderte sie mal wieder ihre halbe Lebensgeschichte aus, nur um die seine zu erfahren. Da ich es leider im vollen Zug nicht vermeiden konnte, neben ihr zu sitzen, wurde ich dann auch immer wieder zwangsweise mit in das Gespräch einbezogen. Sie erzählt, dass sie mich kennengelernt hat, als ich sie quasi vor den Zug gestoßen und mich beim Einsteigen vorgedrängelt hätte. Natürlich in einer Lautstärke, dass es das halbe Großraumabteil mitbekommen hat und mich drauf anstarrte. In dem Moment stieg in mir der Wunsch auf, ich hätte sie wirklich vor den Zug gestoßen.

Um das noch mal klar zu stellen: Zum einen hat sie mich schon nach der zweiten Woche, in der ich nach Essen gependelt bin, angequatscht. Zum zweiten ist es eigentlich immer sie, die sich vor- und reindrängelt. Wenn ich denn überhaupt mal gedrängelt habe sollte, dann war es wohl eher ein natürlicher Reflex, eine Reaktion auf das Verhalten anderer. Seit diesem angeblichen Vorfall jedenfalls verhält sie sich wie eine große Schwester, die meint, ihren kleinen Bruder erziehen zu müssen (Originalzitat: „Sie könnten mein kleinere Bruder sein.”)

Ich könnte echt kotzen. Eigentlich will ich doch nur im Zug meine Ruhe haben, um untere anderem Blogeinträge und eMails zu schreiben. Das geht aber nicht, wenn mich jemand ständig volllabert. Sicher, ich könnte sie zurechtweisen. Nur verstehen würde sie das nicht, da sie felsenfest davon überzeugt ist im recht zu sein. Sie weißt zudem eine wohl typische deutsche Eigenschaft auf: Sie macht sich ein Bild von einem, obwohl sie nur ein winziges Puzzelteil erhascht hat. Hinzu kommt noch, dass die täglichen Pendler im bahn.comfort Bereich sehr viel Zeit auf sehr engem Raum miteinander verbringen, so ungefähr wie eine Großfamilie, die die meisten wohl nur noch aus Geschichtsbüchern kennen. Auch dar war es notwenig, zumindest Harmonie zu simulieren, um angesichts des Platzmangels nicht übereinander herzufallen und Konflikte mit roher Gewalt auszutragen.

Heute morgen habe ich das Glück, dass Frau S. nicht da ist. Das verschafft mir meine Ruhe, die ich unter anderem dazu nutzen konnte, diese Zeilen hier runter zu schreiben.

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