Keine Instrumente

Keine Instrumente

Der Besuch des Papstes in Polen versorgt die Medien mit herzergreifenden Bildern. Besonders bewegende sind seine Gesten der Demut im ehemaligen Konzentrationslager in Auschwitz.

Seine Ansprache aber löste berechtigte Kritik aus. Es sind manchmal wirklich nur sprachliche Feinheiten, in denen eine Menge Sprengstoff steckt. Pauschal können die Deutschen für die in der Nazi-Zeit begangenen Verbrechen weder als Tätervolk noch als verführte Marionetten bezeichnet werden.

Papst Benedikt der XVI. (Joseph Ratzinger) sprach in der Gedenkstätte Aschwitz-Birkenau davon, daß das deutsche Volk als „Instrument missbraucht” wurde. Zum einen werden damit Menschen zu reinen Werkzeugen degradiert. Zum anderen kommt dies einer Absolution gleich, denn ein Instrument, ein Werkzeug, hat keinen eigenen Willen, keine Moral – auch keine Seele, was aber der katholischen Kirche wohl weniger gefallen dürfte, da sie den Begriff „Werkzeug des Herren” in inflationäre Weise verwendet.

Für die Opfer der Nazi-Zeit ist eine solche Reinwaschung der Deutschen eine maßlose Verhöhnung, da es die deutsche Bevölkerung pauschal ebenfalls als Opfer dargestellt. Offen bleibt dann auch die Frage, wer denn die Täter war, wenn es nur Opfer gegeben hätte. Nicht berücksichtigt wird auch die unrühmliche Tradition, die der Antisemitismus gerade auch in der Kirche hat. Der gesamte historische Kontext, in dem sich der Rassenhass der Nazis bewegte, wird ausgeblendet und auf eine Zeit von zwölf Jahren reduziert.

Kein Mensch auf Erden, auch kein Papst (und erstrecht kein deutscher Papst) kann das deutsche Volk von der Schuld freisprechen, die es auf sich geladen hat. Die Shoa, der Millionen von Menschen jüdischen Glaubens und auch andere zum Opfer vielen, ist eine Bürde, die jeder in Deutschland geborene zu tragen hat. Eine Bürde, die niemals vergessen werden darf. Eine Bürde, die dazu verpflichtet, mit allen Mitteln zu verhindern, das so etwas jemals wieder geschieht.

Die Anerkennung der Schuld ist dabei ein wichtiger Bestandteil der historischen Verantwortung. Jeglicher Versuch, sich selber als Opfer zu stilisieren, verbietet sich dabei. Niemand wird bestreiten, daß es auch unter der deutschen Bevölkerung Opfer gegeben hat. Zumal ein nicht unerheblicher Teil der in den Konzentrationslagern umgebrachten Menschen Deutsche mit jüdischem Glauben waren.

Sicher, die Bomben und die Vertreibung nach Kriegsende forderten eine hohen Tribut unter der Zivilbevölkerung. Aber dieses Leid kann nicht aufgerechnet werden mit dem Leiden der Ermordeten, die einer perversen, menschenverachtenden Ideologie zum Opfer fielen.

Vielen werden Papst Benedikt für seine Rede und seinen Mut bewundern. Für einen Papst, zumal für einen deutscher Herkunft, war die Rede aber nicht ausreichende genug in ihrer Klarheit. Deutlichere Wort und eine eindeutige Stellungnahme verbunden mit einem Schuldbekenntnis wären wünschenswert gewesen.

[weiterführende Links: wikipedia.de, shoa.de, yadvashem.org]

3 Replies to “Keine Instrumente”

  1. hm, also mal ehrlich, wo bin ICH, jahrgang 75, SCHULD am WW2 und alle seinen schrecklichen Folgen? Wo sind meine Eltern, Jahrgang 41 und 46 SCHULD am WW2 und alle seinen schrecklichen Folgen?

    WO sind die gesamten Nachkriegsgenerationen SCHULD an den Verbrechen und Verfehlungen ihrer Vorfahren?

    Nirgends…

    Hier werden die Nachfahren dann zu Opfern!

    Genausogut könnte man Mir den Führerschein entziehen, weil mein Dad vor 40 Jahren im vollen Kopp mal sein Auto geschreddert hat…

  2. @Mao-B: Du bist nicht Schuld, aber dennoch trägst du die Verantwortung. Die Verantwortung dafür, daß so was nie wieder passiert.
    Genauso wie der Unfall deines Vaters unter Einfluß von Allkohol dir die Verantwortung auferlegt, solches nicht auch zu machen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren