TV-Duell 2017

TV-Duell 2017

Auch wenn ich zu denjenigen gehöre, die bereits gewählt haben, war für mich das TV-Duell gestern Abend so was wie Pflichtprogramm. Man schaut es, obwohl man den Ausgang vermutet.

Peinliche Pannen

Mit den „den Ausgang vermutet“ meine ich genau das. Man hat auch unabhängig von politischen Präferenzen eine Ahnung, wie sich die Kandidaten schlagen. Zumindest dann, wenn man das politische Geschehen auch sonst verfolgt. Mein erstes beobachtetes TV-Duell ist es auch nicht, nur dass ich diesmal verzichtet habe, die Sendung parallel in den Sozialen Netzwerken zu verfolgen. Meine Aufmerksamkeit galt ganz den beiden Kontrahenten, die sich eigentlich gar nicht so konträr verhielten. Aber dazu kommen wir gleich noch.
Vorweg ein paar Worte zu der peinlichen Panne, mit der die SPD zu kämpfen hatte. Stunden vor dem TV-Duell geisterte eine Google-Anzeige durchs Netz: „TV-Duell: Merkel verliert – klar gegen Martin Schulz – spd.de“. Die Genossen entschuldigten sich dafür, dies sei wohl dem Dienstleister passiert. Wir machen alle mal Fehler, keine Frage. Für mich aber setzt das die Schulz-Besoffenheit (man verzeihe mir das Wortspiel) in der SPD fort. Kritik innerhalb der Partei stellt bereits so was wie Majestätsbeleidigung dar. Nach wie vor halte ich für meinen Teil Schulz für keinen geeigneten Kandidaten, was gestern Abend auch bestätigte.

TV-Duell
StockSnap / Pixabay

Das Echo der SPD

Freilich stehe ich innerhalb der SPD mit meiner Einschätzung in Bezug auf das TV-Duell eher auf verlorenen Posten. Was schrieb mir unser Generalsekretär Hubertus Heil mitten in der Nacht: „ein starker Martin Schulz zeigt Kanzlerformat. Er hat Klartext gesprochen“. Bei Twitter und Facebook finden sich ganz ähnliche Einschätzungen — das ich das nicht während der Sendung verfolgt hab, hat mir vermutlich den Abend gerettet. Martin Schulz hat meiner Meinung nach kein Kanzlerformat gezeigt, er wirkte streckenweise immer noch wie der EU-Präsident. Überhaupt, er hat sich nicht für das Kanzleramt beworben, sondern für den Posten des Außenministers. Das war nicht nur mein Eindruck, sondern wurde so auch in der nachfolgenden Sendung, eine Diskussionsrunde mit Anne Will, so geäußert.
Gehen wir aber mal systematisch vor und blicken auf das TV-Duell von Anfang an. Man konnte Angela Merkel anders als Schulz eine gewisse Routine und Gelassenheit nicht abstreiten. Gerade am Anfang kamen die Sprachfehler bei Schulz besonders durch. Von seiner hoch gelobten rhetorischen Überlegenheit merkten man auch nicht viel. Anders als Merkel benutzte er komplexe und verschachtelte Sätze. Auch Zuschauer fragte man sich, was er eigentlich jetzt sagen wollte.

TV-Duell der Menschlichkeit

Ein Satz aus der Vergangenheit rechne ich persönlich Angela Merkel hoch an. Das viel gescholtene „Wir schaffen das“ in Bezug auf die Flüchtlinge. Im TV-Duell betonte die Bundeskanzlerin, dass es hier um Menschen geht. Flüchtlinge, so Merkel, seien Menschen. Um die müsse man sich kümmern, gleichzeitig aber auch Fluchtursachen bekämpfen. Etwas zu häufig verwendet Merkel leider die Floskel „möchte ich die Gelegenheit nutzen. Dennoch, sie blieb über weite Strecken die Glaubwürdigere von den beiden. Schulz konnte einfach nicht punkten.
Fairerweise muss man sagen, dass die Schwerpunktthemen gestern Abend nicht geeignet waren für einen großartigen Dissens. Im Bereich der internationalen Politik gab es einen deutlichen Konsens und das ist auch gut so. Egal wer nach der Bundestagswahl als Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler an der Spitze des Landes steht, die europäischen Partner und auch andere Länder erwarten von Deutschland Verlässlichkeit und Kontinuität. Ob Merkel oder Schulz, beide werden den bisherigen Kurs vorsetzen.

Fehlende Streitthemen

Die fehlende Streitthemen in Bezug auf die internationale Politik waren für Schulz genau so ein Fluch wie die bestehende große Koalition. Man kann den Kurs der Bundeskanzlerin nicht ernsthaft kritisieren, wenn die eigene Partei in der Regierungsverantwortung mitgetragen hat. Auch den Umgang mit Gastarbeitern kann man nicht allein einer CDU-geführten Bundesregierung anlasten. Das ganze ist von unterschiedlichen Regierungskonstellationen gehörig versammelt worden. Und ja, auch die SPD hat sich da in der Zeit, als sie Bundeskanzler stellte, nicht in besonders positiver Weise hervorgetan.
Auch wenn seitens der Moderatoren behauptet wurde, das Thema Migration und Flüchtlinge interessiere die Wählerinnen und Wähler besonders, fand ich es für ein TV-Duell wenig geeignet. Die gesamte Materie ist für dieses Format einfach zu komplex. Man merkte es auch dran, das sowohl als auch Schulz über Asylrecht und Einwanderung stolperten und keine klare Trennung hinbekamen.

Zündfunke Türkei

In Bezug auf die Türkei gab es dann zum ersten Mal so etwas wie einen Disput. Sowohl Schulz als auch Merkel waren sich zwar im Prinzip einig, was sie vom türkischen Ministerpräsidenten halten. Auch darin, dass eine Verhaftung von deutschen Staatsbürgern ein absolutes no go ist. Dennoch, Martin Schulz möchte am liebsten sofort alle Türen zuschlagen, während die Bundeskanzlerin einen wichtigen Punkt zu Recht betonte. „Wenn man Staatsbürger frei bekommen will, muss man im Gespräch bleiben“, so Merkel. Genau das sehe ich auch so. Man kann und sollte sich nicht auf dem Rücken der Inhaftierten profilieren und den harten Mann spielen. Hier müsste es Schulz als erfahrener Europapolitiker eigentlich auch besser wissen.
Das die innenpolitischen Themen zu kurz kamen, fand ich gestern Abend ziemlich bedauerlich. Hier hätte es für Martin Schulz die Gelegenheit geben können, ein eigenständiges Profil zu präsentieren, sich wirklich von der Bundeskanzlerin abzuheben. Beim Thema Renteneintrittsalter versuchte er es kurz und es gelang ihm sogar, die Bundeskanzlerin auf ein Verbrechen festzunageln. Mit ihr werde es keine Rente mit 70 geben, sagte sie. Es bleibt also 67 als oberste Grenze. Vorerst, denn zu Recht wies Schulz auf ihre Verlässlichkeit in Bezug auf die PKW-Maut hin. Diese hatte Merkel 2013 im TV-Duell noch kategorisch abgelehnt.

Risiko Koalitionsaussage

Vor der Wahl Koalitionsaussagen zu treffen, ist immer heikel. Bestimmte Konstellation auszuschließen allerdings ein Akt der Notwendigkeit. Angela Merkel tat daher gut daran, eine Koalition sowohl mit der AfD als auch der Linkspartei kategorisch auszuschließen. Martin Schulz dagegen ließ sich nicht festnageln. So entstand der Eindruck, wenn es denn notwendig sei, würde man auch mit der Linkspartei eine Koalition eingehen. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass man erneut den Juniorpartner für die CDU spielen wird. Die fehlende Abgrenzung zu Linkspartei wird der SPD gestern Abend wohl wieder ein paar Stimmen gekostet haben.
Beim Schlussstatement zeigte Schulz noch mal Höchstform. Allerdings auch nur deshalb, weil er nicht spontan sein musste. Das Statement wirkte wie es war: eingeübt und daher nicht überzeugen. Das Merkel in ihrem Schlusswort auch nicht wirklich überzeugend konnte, spielt dabei keine Rolle. Hängen blieb von ihr, dass man mit Merkel etwas bekommt, was man schon kennt. Also keine Experimente in unsicheren Zeiten.

Nachgeschmack im Abgang

Was man gestern Abend beim TV-Duell geboten bekam, war eine Aussprache von derzeitigen und mit Sicherheit auch künftigen Koalitionspartnern. Martin Schulz gelang es trotz seiner Angriffslust nicht, die Wählerinnen und Wähler von sich als echte Alternative zu überzeugen. Angela Merkel, so zeigte auch Nachbesprechung bei Anne Will, wirkte einfach kompetenter und vor allem glaubwürdiger. Christine Hoffmann vom Spiegel brachte das ziemlich gut auf den Punkt: „Ich habe eine Bewerbung um eine große Koalition gesehen.“ Genau so ging mir das auch. Wie vielen anderen Menschen in unserem Land finde ich Merkel sympathischer als Schulz — und das, obwohl ich SPD-Mitglied bin.
In der Süddeutsche Zeitung schrieb heute morgen Heribert Prantl, Schulz habe das TV-Duell versemmelt. Genau so ist das. Gestern Abend wurde die Hoffnung auf eine Wende im Wahlkampf endgültig zu Grabe getragen. Was meinte Gottschalk bei Anne Will noch dazu? Schade eigentlich, dass ausgerechnet Sigmar Gabriel jetzt schlanker und sympathischer rüberkommt als noch zu Beginn des Jahres.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren