Fahrt in den Sonnenuntergang

Fahrt in den Sonnenuntergang

Aufregung sorgte bei Tilo immer dafür, dass er Probleme mit dem Magen bekam. So wie jetzt. Sodbrennen. Es bewegte sich durchaus auch im Bereich des Möglichen, dass seine Schwierigkeiten mit dem Magen im Zusammenhang mit Alkohol standen, den er immer dann zu trinken schien, wenn er am nächsten Tag Probleme hatte. Fast war es so, dass die Probleme erst dadurch entstanden, dass er am Abend vorher trank. Wobei er durchaus auch trank, ohne am nächsten Tag Probleme zu haben und auch nicht trank, um Probleme zu vergessen. Der Geschmack seiner Magensäfte hielt sich im Mund. Tilo sammelte und spuckte aus. Sah keiner. Und selbst wenn, wäre es ihm egal gewesen. Nicht egal war ihm das Schicksal von Elvira. Sicher, sie war nur eine Sexpuppe. Nicht mal eine, die wirklich ihm gehörte. An ihren Anblick in der Küche hatte er sich jedoch gewöhnt. Sie gehörte zur Familie und Familienmitglieder ließ man nicht im Stich. Hinter ihm stieß jemand gegen eine leere Flasche. Der ungeschickte Heiko. Sein Schatten. Wobei er sich gerne einen anderen Schatten gewünscht hätte. Einen, der weniger dick war. Kurz vor Sonnenaufgang sollte man sich nicht beschweren. Sollte dankbar sein, um diese Zeit nicht alleine hier zu sein.

Heiko kam sich unendlich dämlich vor. Es gab übergewichtige Detektive. Diese bewegten sich aber elegant, waren raffiniert. Er dagegen fühlte sich wie ein Bär mit verbundenen Augen, den man zur Aufmunterung einen Dachlatte auf den Hinterkopf geschlagen hatte. Ohne Auto konnte er von hier nicht weg. Ansonsten wäre er schon längst umgekehrt, hätte diesen Tilo, vor allem aber Charlotte, alleine gelassen. Ohne ihn wären die zwei sicher besser dran. Er war hier nur der Ersatzreifen.

Ob es Tilo stören würde, wenn sie in seinem Auto rauchte? Charlotte drehte das Fenster runter. Ein Stück, dann wurde ihr bewusst, was sie da tat. Ein Autofenster runter drehen. So wie früher. Besonders viel schien Tilo mit dem, was er beruflich machte, nicht zu verdienen. Charlotte riss die Folie von der Packung und griff gierig in die Schachtel. An die Warnhinweise hatte sie sich gewöhnt, so wie man sich an lärmende Kinder im Treppenhaus gewöhnte, wenn die Alterstaubheit einsetzte. Charlotte konnte noch gut hören. Ihre erste Zigarette heute morgen. Kaum zu glauben. Nach drei schnellen Zügen fiel ihr ein, warum sie hier im Wagen saß. Einen kurzen Moment später hatte sie einen diensthabenden Beamten der Polizeileitstelle an der Leitung.

Da war er also. Helene hatte so gut wie gewonnen. Allein schon deshalb, weil Herr Hartlieb hier hergekommen war. Wegen einer blöden Sexpuppe, die man genauso gut neu kaufen konnte. Andererseits konnte man auch Pornofilme günstig und im Dutzend erwerben. Wie wertvoll die DVD für Helene war, konnte niemand wissen.

„Guten Morgen Frau Funke.“
Er hatte sich nicht getäuscht. Die nunmehr Ex-Managerin von Arnsburg stand neben einem Baum, da vor Elvira. Sie wirkte leicht blass, was auch täuschen konnte. Er kannte sie schließlich nur in der Küche sitzend.
„Schön das sie es einrichten konnten, gleich herzukommen.“
„Hatte ich eine andere Wahl?“
„Vermutlich ja.“
„Was passiert jetzt?“
„Das hängt ganz von ihnen ab.“
Die Frau richtete eine Pistole auf ihn.
„Ich denke, wir machen das einfach so, wie ich sage, dann passiert auch niemanden etwas. Das Ding“, Helene zeigte kurz mit der Waffe auf Elvira, „können sie dann bald wieder in ihre Arme schließen.“
Langsam holte Tilo die DVD hervor.
„Das ist es, was sie wollen, oder?“
„Kommen sie nicht auf dumme Gedanken. Lassen sie die DVD erstmal wo sie ist und nehme sie die Puppe.“
Helene trat zur Seite. Tilo ging rüber zu Elvira und nahm sie.
„Und jetzt gehen sie rüber zur Mühle. Die DVD lassen sie am Eingang liegen.
„Rein mit ihnen.“

Tilo drückte die Türklinke runter. Die Tür der Mühle war auf. Er trat ein paar Schritte ins Dunkle, zog Elvira hinter sich her.
Er kam nicht mehr dazu, Helene zu fragen oder sich umzudrehen. Helene hatte noch immer die Pistole auf das ungleiche Paar gerichtet. Sie wollte ihm sagen, er sollte noch ein paar Schritte weiter gehen. Dann die Tür hinter ihm zu werfen und den Sperrriegel wieder vorschieben. Das Geräusch hinter ihr überraschte sie.
Hinter einem alten Mühlstein hatte Heiko sich versteckt und gewartet. Als Tilo voran in die Mühle ging, folgte er den beiden. Für einen Moment zögerte er. Sollte er den Hügel hinauf klettern oder die Treppe nehmen? Er entschied sich für die Variante, die weniger Anstrengung versprach. Ohne auffällige Geräusche zu machen, schlich er in gebückter Haltung die Stufen hoch. Zwei Dinge überraschten ihn. Die Unebenheit an der letzten Stufe und das nachgebende Treppengeländer. Er stolperte und stieß mit Helene zusammen, die gerade die Mühle wieder verlassen wollte. Die Wucht seines Aufpralls warf Helene um. Vor Schreck zog sie ihren Zeigefinger an der Waffe durch. Mit einem Knall löst sich ein Schuss. Das Projektil ging durch die noch offen Tür der Mühle und schlug in den Körper ein. Noch bevor Heiko die Situation im vollen Umfang erfasst hatte, rappelte sich Helene auf. Die DVD und dann einfach nur weg. Als Heiko erkannt, was Helene vor hatte, griff er zur DVD. So leicht gab Helene nicht auf. Mit der vollen Wucht ihres rechten Fußes trat sie ihm auf die Hand. Voller Schmerzen schrie Heiko auf und ließ die DVD los. Innen aus der Mühle war ein Wimmern zu hören. Endlich nahm Helene die DVD an sich. Den immer noch auf den Boden liegenden Heiko zur Seite stoßend, lief sie über den Hügel runter zum Parkplatz. Aus dem Dunklen der Mühle zog Heiko den schlaffen Körper von Elvira. Die Kugel hatte sie mitten in die Brust getroffen. Ihr war ganz wörtlich die Luft ausgegangen. Draußen ließ er sie los, als er Heiko sah, der sich die Hand hielt.

„Las mal sehen.“
„Nein, nein.“ Heiko zog die verletzte Hand noch näher an den Körper heran. Zum Schmerz gesellte sich das Gefühl, versagt zu haben.
Helen lief ohne sich umzublicken auf den Parkplatz zu, immer noch die Pistole in ihrer Hand haltend. Dann sah sie die Beamten. Angesichts der Bedrohung zogen diese ihre Dienstwaffe.
„Stehen bleiben, Polizei!“
„Lassen sie die Waffe fallen!“
Helene hatte ihr Zukunft in beiden Händen. In beiden Händen, wie sie erkannte. Die DVD links, die Waffe, die viel zu echt aussah, rechts. Weglaufen konnte sie nicht mehr, sie musste sich auf die eine oder andere Art ihrem Schicksal stellen.

Charlotte stand locker gegen den Wagen gelehnt und beobachte den Polizeieinsatz. Fast hätte es einen weiteren Toten gegeben. Einsatzkräfte erschießen in Notwehr vermutliche Mörderin. Keine schlechte Schlagzeile wäre das gewesen, dachte Charlotte, als die Handschellen um Helenes Hände klickten. Oben auf dem Hügel stand Tilo und winkte zu ihr rüber.

Nach dem alles geklärt war, fuhren sie zurück auf die Autobahn. Am Kreuz Meerbusch gab Charlotte richtig Gas. Einfach weiter, an Kaarst vorbei. Vielleicht Richtung Köln, so genau wussten sie es nicht. Sonntag musste niemand von ihnen arbeiten. Heiko trug einen Verband um die Hand, Elvira hatte ein dickes Pflaster auf der Brust und saß voll aufgeblasen hinten neben Tilo. Aus dem Radio Udo Jürgens „Heute beginnt der Rest deines Lebens. Heute fängt an was du daraus machst“ Drei Stimmen im Auto begleiteten ihn dabei.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren