Showdown an der Autobahnraststätte

Showdown an der Autobahnraststätte

Heiko stand schon an der Straße, als Tilo mit dem Wagen fast pünktlich kam. Ohne Halstuch fühlte sich Heiko nackt. Unwillkürlich fror er. Im Schrank hingen zwar noch andere Halstücher, aber es war nun mal sein Wochenendhalstuch, welches fehlte.

Gleich Montag würde er sich ein neues kaufen. Hoffentlich gab es das noch in seiner Lieblingsfarbe. Tilo öffnete die Beifahrertür und wollte sich hinsetzten.
„Setzt dich hinten hin, Charlotte kommt auch mit.“
Widerwillig zog er den Sitz nach vorne und kletterte auf die Rückbank. Immer mussten die Kalorien-Gehändicapten hinten Platz nehmen. Mit angezogenen Knien, die fast seinen Bauchnabel berührten, saß er gerade hinten, als Tilo wieder anfuhr. Ihm würde nicht schlecht werden, denn ihm war schon schlecht. Der Weg zu Charlottes Wohnung war etwas länger. Sie schwiegen unterwegs. Tilo war in Gedanken damit beschäftigt, was vor ihm lag. Noch immer hatte er keinen konkreten Plan. Auf der Rückbank war Heiko damit beschäftigt, den Inhalt seines Magens nicht nach außen zu stülpen. Verschwitzt, zerknittert, fühlte er sich. Im Selbstmitleid versinkend schloss er die Augen. Für einen Moment half das. Die Vollbremsung riss ihn im Gurt nach vorne. Nur knapp entging Tilo etwas, was Heiko sehr peinlich gewesen wäre. Von Charlotte fehlte jede Spur. Heiko zückte sein Telefon und wählte gerade ihre Nummer, als Charlotte an die Scheibe klopfte. Sie sah aus wie aus dem Ei gepellt. Das war sie sich selber schuldig, wie sie fand.

„Das hat aber gedauert!“
Tilo zeigte nur auf die Rückbank. Charlotte verstand. Klar das der langsam war. Tilo musste so nicht erklären, dass er etwas gebraucht hatte, um sein Auto zu finden. So was passierte ihm häufiger. Nunmehr zu dritt fuhren sie auf die Autobahnauffahrt Krefeld-Oppum Richtung Köln.
Direkt nach ihren ersten Rückflug aus London hatte Helen Funke sich eine CO2 Pistole gekauft. Ihr war es wichtig gewesen, dass die Waffe möglichst echt aussah. Ernsthaft verletzen konnte man damit, soweit sie wusste, niemanden. Um jemand einzuschüchtern, reichte sie aber auf jeden Fall. Bei Carl hatte sie die Pistole nicht gebraucht. Es wäre auch viel zu riskant gewesen, wenn man aus welchen Gründen auch immer die Waffe bei ihr gefunden hätte. Für das bevorstehende Treffen würde sich die Pistole als nützlich erweisen.

Damals im Flieger war ihr klar geworden, dass Shawon McFurry, der McFurry, sein Angebot sofort zurückziehen würde, wenn er diesen Film jemals sehen würde. Sich überhaupt dazu überreden zu lassen, in einem Pornofilm mitzuspielen, kam ihr mittlerweile dumm und naiv vor. Hinterher ist man immer klüger. Was aber nichts nützt, wenn man den Fehler nicht ungeschehen machen konnte. Manche Fehler ließen sich zumindest vergessen machen. Zeugen beseitigen, Material vernichten. Genau das beabsichtige Helene mit „Kalle lässt es krachen“. Den Film im Austausch gegen diese merkwürdige Sexpuppe. Die einzige Kopie, die es noch gab. Ganz sicher war sie sich nicht, ob Tilo Hartlieb wirklich darauf eingehen würde. Wenn nicht, hatte sie noch immer seinen Wohnungsschlüssel. Sollte alles nach Plan laufen, würde sie in wenigen Stunden im Flieger nach London sitzen. Den Flug von Köln/Bonn aus hatte sie schon gebucht. Von London aus dann weiter zum aktuellen Drehort von McFurry fliegen. Vorort würde sie den Vertrag unterzeichnen, so war es vereinbart worden. Jetzt, wo Arnsburg tot war, konnte sie sich ohne seine Einwände einen neuen Job besorgen. Einen, für den sie lange und hart gekämpft hatte. Helene parkte den Wagen auf dem Platz vor einer dieser namenlosen Autobahnraststätten. Auf den Sanifair-Toiletten war es garantiert sauberer als dort in der Küche. Kein Wunder, dass jährlich mehrere Dutzend Fernfahrer an einer Lebensmittelinfektion verstarben. Der Schnellimbiss daneben sah wesentlich vertrauenserweckender aus. Freundlich und hell erleuchtet. Genau das war aber ein Problem. Für das, was Helene gedachte zu tun, war schlechte Beleuchtung besser.

Bis zum Treffen hatte sie noch genügend Zeit. Zeit, die sie zur weiteren Vorbereitung nutzen würde. Sie stieg aus, ging zum Kofferraum. Die Puppe würde besser erstmal drin bleiben, bis sie sicher war, wo die Übergabe stattfinden würde. Dann fiel ihr Blick auf die Mühle. Perfekt. Um diese Zeit würde sich dort nicht mal jemand in der Nähe aufhalten. Außer ihr befand sich gerade niemand auf dem Parkplatz. Spontan entschied sie sich dafür, die Puppe doch schon mitzunehmen.
Eine eingehende SMS. Tilo griff nach seinem Mobiltelefon. Das er dabei bei über einhundert Stundenkilometern nur noch mit einer Hand das Lenkrad hielt, begeisterte Charlotte wenig. Ihren Seitenblick bekam Tilo nicht mit. Er las die SMS.
„Ich soll auf den Parkplatz fahren und zur Gleismühle gehen. Alleine.“
„Natürlich alleine.“ Charlotte sprach aus, was auch Heiko dachte. Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto deutlicher wurde ihm, dass es keine gute Idee war. Den Helden spielen lag ihm nicht. Dabei konnte man verletzt werden. Wenn Heiko dabei war, wurde er auch meistens verletzt, selbst wenn er nicht den Helden spielte.
„Aber wir werden nicht im Auto warten.“
„Nicht?“ Heiko klang wenig begeistert.
„Wenn wir im Auto auf Tilo warten, entkommt die Erpresserin wohl möglich.“
Das sie nicht davon sprach, zu verhindern, dass Tilo was passierte, war ihm schon klar. Für Charlotte würde es in jedem Fall ein Gewinn sein. Wenn die Erpresserin auch die Mörderin war, wäre sie nicht nur selber entlastet, sondern hätte auch noch eine verdammt gute Story, über die sie schreiben konnte. Das Risiko für sich selber würde sie so gering wie möglich halten. Ein anonymer Anruf bei der Polizei, sobald Tilo draußen war. Sie müsste nur dafür sorgen, dass Heiko nicht davon Wind bekommen würde. Ihm traute sie durchaus zu, alles zu vermasseln, weil er seine Klappe nicht halten konnte. Während sie beabsichtigte, sich im Hintergrund zu halten, sah sie für ihn die Rolle vor, Tilo zu folgen. Möglichst unauffällig. Solange es noch nicht richtig hell war, sollte auch ihm das gelingen. Sie selber würde sich im Hintergrund halten.

Am besten, so überlegte sich Heiko, halte ich mich im Hintergrund. Sollen sich die anderen doch erschießen, erstechen oder was auch immer lassen. In Filme brachten sich die Bösewichte immer gegenseitig um. Gut, dass hier war kein Film. Und wer der Bösewicht war, stand auch nicht genau fest. Weder Tilo noch Charlotte hielt er nach den letzten gemeinsamen Stunden für Mörder. Dennoch konnte man sich täuschen. Vielleicht gab es gar keine Erpressung und Tilo hatte sie nur zur Raststätte locken wollen. Jetzt war ihm nicht mehr kalt. Dafür war seine Angst noch größer. Mitten herein platzt Tilo.
„Wir sind da.“
Er tastete nach der DVD-Hülle. Bevor er ausstieg, wandte er sich an Charlotte und Heiko.
„Also gut. Ich geh da jetzt raus. Mit Rückendeckung von euch würde ich mich allerdings wohler fühlen.“
„Heiko wird dir mit Abstand folgen, ich halte hier alle Autos im Blick. So entwischt uns niemand.“
Keiner widersprach Charlotte.

Die Pistole gab ihr Sicherheit. Sie versuchte sich zu beruhigen. „Nur nicht die Nerven verlieren, denk an was schönes, an die Südsee, den Vertrag.“ Helene entspannte sich. Neben ihr am Baum stand die Sexpuppe. Tilo müsste um die Mühle herum kommen, um sie zu sehen. Damit lag der Parkplatz so, dass niemand etwas mitbekommen würde. Blieb nur noch das Problem, was sie mit dem dann wiedervereinigten Paar tun sollte. Erschießen ging nicht, ein Fenster war nicht in der Nähe. Für ein paar Stunden Tilo außer Gefecht zu setzen, würde ihr schon reichen.

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren