Leitfaden zur Leitkultur

Leitfaden zur Leitkultur

Politiker vom Schlage eines Thomas de Maizière (CDU) verstehen es, das Kind nicht nur mit dem Bade auszuschütten, sondern gleich mit der Wanne zu erschlagen. Die Reaktionen auf sein Thesenpapier zur Leitkultur waren erwartbar und sind richtig.

Berufener Thesenschreiber

Zu Gute halten kann man de Maizière zumindest, dass er seine Thesen an keine Tür genagelt hat. Im Lutherjahr wäre das eine nicht ungewöhnliche Vorgehensweise und schließlich hat Luther ja auch was mit Kultur zu tun. Wobei, „vernagelt“ trifft auf weite Teile der Thesen zur Leitkultur von de Maizière zu.
Greifen wir noch mal auf Luther zurück. Die Legende will es, dass er seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg anschlug — ein Umstand, der mittlerweile stark bezweifelt wird. Ob Luther die Thesen nun angeschlagen hat oder nicht, was er mit seinen Thesen auslöst sollte hinlänglich bekannt sein.
Für Luther ging es bei seinen Thesen und alles, um das Fundament seines Glaubensverständnis. Mit Fug und Recht lässt sich behaupten, er habe sich zum schreiben der Thesen berufen gefühlt.

Wege zur Leitkultur
Pexels / Pixabay

Juristen als Universalkünstler

Eine andere Art der Berufung scheint auch Thomas de Maizière gespürt zu haben. Anders als Luther ist er nicht vom Fach, sondern lediglich Jurist. Wobei man damit in Deutschland anscheinend alles werden kann. Fairerweise sollte man jedoch hinzufügen, dass de Maizière zumindest sein juristisches Studium, anders als Luther, zu Ende gebracht hat.
Letztendlich spielt es keine Rolle, es kommt immer darauf an, was man draus macht. Genau wie Luther hat de Maizière ein großes Echo erzeugt. Anders als der Reformator geht es de Maizière lediglich um so etwas ganz banales wie Wählerstimmen. Seine Thesen stehen im Zeichen der Bundestagswahl im Herbst und sind ein Versuch, im Lager der AfD zu fischen. Wenn dabei noch Zustimmung anderer Enttäuschter anfällt, um so besser aus seiner Sicht.

Boulevard als Öffentlichkeit

Die Wahl des Mittels sagt einiges über die Motive aus. Das war schon zu Luthers Zeiten so und gilt heute um so mehr. Wer sein Traktat sagen wir mal in der „Zeit“ veröffentlicht, wendet sich primär an ein anderes Publikum als wenn er seine Thesen zur Leitkultur für „Bild am Sonntag“ formuliert. Wer einen Artikel mit der Überschrift „Wir sind nicht Burka“ verfasst, will vor allem eins: die Geschafft spalten. In einen Teil, der brav CDU wählt und in einen anderen Teil, der, sofern er nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und irgendwie südländisch oder arabisch aussieht, besser das Land verlässt.

Leitkultur als Eintopfgericht

Die meisten Eintopfgerichte werden durch wiederholtes aufwärmen besser. Bei der gefühlt hundertste Diskussion aus dem schwarzen Lager zum Thema Leitkultur sieht es jedoch anders aus — allein schon der Begriff ist schwachsinnig. Schwachsinnig deshalb, weil es neben einer gemeinsamen Sprache vieles gibt, was in Deutschland ganz und gar unterschiedlich ist. Wir fühlen uns als eine Nation, sind aber diesbezüglich nicht mal in der Pubertät angekommen. Vielleicht erklärt das auch, warum man wie ein trotziges Kind überhaupt eine Diskussion zur so genannten Leitkultur vom Zaun brechen muss.
Bevor man überhaupt in Erwägung ziehen sollte, über eine gemeinsame Kultur zu sprechen, sollte man sich um wichtige Dinge, wie ein einheitliches länderübergreifendes Schulsystem und die unwichtigen, wie eine einheitliche Bezeichnung für Brötchen kümmern. Beides macht nämlich auch Kultur aus.

Ungeschriebenen Regeln

Laut eigener Aussage ging es de Maizière darum, die ungeschriebenen Regeln unseres Zusammenlebens zu beschreiben. Ungeschrieben Regeln heissen deshalb so, weil sie ungeschrieben sind. Möglicherweise auch ungeschrieben bleiben sollten, weil sie einem beständigen Wandel unterliegen. Also umgeschrieben werden. Sich zur Begrüßung die Hand schütteln wäre etwas, was man hinterfragen sollte. Mein Hausarzt beispielsweise gibt Patienten nie die Hand, aus Angst vor Ansteckung. Überhaupt schüttelte man sich früher die Hände nur um zu beweisen, dass man keine Waffen in selbigen mit sich führte.

Thesen als Zielvorstellung

Bei einigen der Thesen von Thomas de Maizière wird sich aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger ernsthaft fragen, was der Innenminister geraucht hat. Wenn es etwa heisst, „wir sehen Bildung und Erziehung als Wert und nicht allein als Instrument“ und Bildung sei ein Wert für sich, dann ist das eine Idealvorstellung. Die Realität, dass sollte auch de Maizière wissen, sieht anders aus. Nach wie vor ist Bildung in Deutschland weit davon entfernt, ein Wert an sich zu sein. Vielmehr geht es primär darum, Arbeitskräfte hervorzubringen. „Bildungsreserven“ sind dafür genau so Zeichen wie G8 oder die Bachelor-Studiengänge.
Selbstverständlich ist unsere Nation von Kultur durchtränkt. Wie fast alle anderen Nationen auch. Kultur ist kein Alleinstellungsmerkmal, sondern essentieller Bestandteil einer Nation.

Das grundlegende Kulturverständnis

Je länger man sich mit den Thesen von de Maizière auseinandersetzt, desto stärker wird der Eindruck, er habe möglicherweise ein anderes Verständnis von Kultur als man selber. Auf Bach und Goethe zu verweisen als Deutsche Kulturschaffende ist armselig. Kultur ist mehr als nur ein paar Theater und Musikschulen. Und selbst damit sollte man vorsichtig sein, wenn in nicht wenigen deutschen Städten großzügig geschlossen werden muss, weil staatliche Förderung fehlt.
Kultur ist auch Gegenkultur und besteht mitunter aus Theaterstücken, die so gar nicht in ein konservatives Weltbild, wie Thomas de Maizière es ganz offensichtlich hat, hineinpassen.
Ganz nebenbei, Bach war kein Deutscher, sondern stammte aus Sachsen-Eisenach. Deutschland, so wie de Maizière es vor Augen hat, existiert damals nicht.

Zusammenhalt durch Werte

Mit viel gutem Willen kann man erkennen, was hinter den Thesen möglicherweise stecken könnte. Es geht nicht um Leitkultur an sich, sondern um so etwas was sich als „westliche Werte“ bezeichnen ließe. Besser noch wäre „universelle Werte“, „Menschenrechte“ — die Begriffsfindung ist schwierig und selbst so etwas wie „Common Sense“ führt in eine ganz andere Richtung.
Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, dass wären Werte, auf die man sich einigen müsste. Freiheit und Gleichheit aller Menschen, unabhängig von Hautfarbe und Geschlecht, so wie Gerechtigkeit.
Gemeinsamkeiten entstehen, wenn man diese Werte miteinander teilt. Sich auf Schützenfesten zu besaufen lässt zwar auch ein Gemeinschaftsgefühl entsteht, bewegt sich aber auf einer ganz anderen Ebene. Diese Art der Gemeinsamkeiten halten eine Gesellschaft dauerhaft nicht zusammen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren