Fuchs stiehlt Verstand

Fuchs stiehlt Verstand

Eines Tages, Baby, werden wir aufwachen, oh Baby, werden wir aufwachen und an all die Wörter denken, die aus unserem Leben verschwunden sind.

Eines Tages, Baby, werden wir aufwachen, oh Baby, werden wir aufwachen — in einer spaßbefreiten Gesellschaft, die sich freiwillig entleibt hat.

Selbstverständlich darf und soll sich eine Gesellschaft weiterentwickeln — solange man die Wurzeln nicht vergisst. Ebenfalls klar ist es, dass Traditionen hinterfragt werden müssen. Etwas zu tun, nur weil es immer so gemacht wurde, führt früher oder später zum Fundamentalismus. In einer idealen Gesellschaft besteht eine Balance zwischen dem Dynamischen und dem Statischen. Beides muss vorhanden sein (Lesetipp an der Stelle: „Lila oder ein Versuch über Moral“ von Robert M. Pirsig).

bzwei / Pixabay

Über diskriminierende Sprache lässt sich trefflich streiten. Muss es unbedingt „Zigeunerschnitzel“ heißen? Warum darf man nicht mehr Mohrenkopf sagen? Und was ist mit dem Negerkönig in Pipi Langstrumpf?

Leugnen lässt sich sicher nicht, welche Gewalt, welche Macht von Sprache und Begriffen ausgeht. Das sollten wir, insbesondere in Deutschland, aus der Geschichte gelernt haben.

Wie gesagt, man kann lange darüber diskutieren, ob die Abschaffung des „Zigeunerschnitzels“ richtig und gut oder aber der falsche Schritt ist. Ebenso lange lässt sich über die Brutalität in Geschichten für Kinder und Märchen streiten. Hexen werden verbrannt, ohne das daran jemand besonderen Anstoß nimmt. Die alte Frau aus „Hänsel und Gretel“ bekam kein faires Verfahren und die Gelegenheit, Reue zu zeigen und Buße zu tun.

Man merkt mir an, das es langsam absurder wird? Nun, es ist beabsichtigt und die Folgen Begebenheit übersteigt sogar meine Phantasie.

Limburg, bisher bekannt durch einen Bischof, welcher einen besonders eigenwilligen Umgang mit Kirchengeldern an den Tag legte, ist um eine neue Posse reicher. Eine dort wohnhafte Veganerin störte sich am Glockenspiel, genau gesagt an zwei Liedzeile von „Fuchs du hast die Gans gestohlen“.

Die erste Strophe des Liedes, welches von nicht wenige von uns aus Kindertagen kennen, geht wie folgt:

Fuchs, du hast die Gans gestohlen
Gib sie wieder her, gib sie wieder her,
sonst kommt dich der Jäger holen
mit dem Schießgewehr.

Stein des Anstoßes waren in diesem Fall Zeile 3 und 4. Diese seien, so heisst es, „tierfeindlich“. Hier wird der Fuchs vom Jäger mit dem Schießgewehr mit dem Tode bedroht. Tierfeindlich. Aha. Man fragt sich, was ist eigentlich mit diesem Fuchs? Hat der nicht auch vor, die Gans zu töten und zu fressen? Oder handelt es sich um einen Under-Cover Agenten von PETA, der die Gans lediglich aus ihrem Stall befreite? Fragen über Fragen. Dabei vergessen wir ganz, dass es in diesem Fall um ein Glockenspiel geht. Es werden hier keine Strophen gesungen. Das Glockenspiel spielt lediglich die Melodie. Folgt man der Argumentation der Veganerin (oder heisst es politisch korrekt: vegan lebenden Frau?), so müsste auch die deutsche Nationalhymne verboten werden. Zwar wird offiziell nur die dritte Strophe des Deutschlandliedes verwendet, aber die Melodie passt ja auch auf die ersten beiden Strophen.

Als Bürgermeister von Limburg hätte ich nicht nachgegeben — einfach schon aus Prinzip. Was die Forderung angeht, nun, da kann man sich nur an den Kopf packen und um den Verstand fürchten. Vielleicht wird der ja auch vom Fuchs gestohlen. Immerhin, eines hat die Bürgerin von Limburg mit ihrer Bitte erreicht. Künftig wird man beim Limburg weniger an Luxus-Badezimmer im Bischofssitz denken, sondern an das schändliche, tierfeindliche Glockenspiel.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren