Dafür bin ich zu alt

Dafür bin ich zu alt

Es gibt viele Sätze, die ich für falsch, dämlich oder verloren halte. Einer davon ist „dafür bin ich zu alt“. Ein Satz, der zumindest von meinem heutigen Standpunkt aus eine Lüge ist.

Gut, vielleicht nicht eine Lüge, aber ein Satz, der falsch ist, weil viel zu häufig etwas anderes gemeint ist. Es gibt sicherlich Dinge, für die man tatsächlich irgendwann zu alt ist. Zum Beispiel Muttermilch aus der Brust trinken. Andere dagegen sind nur phasenweise nicht zutreffend. Windel gibt es sowohl für Babys als auch bei Inkontinenz im Alter.

nightowl / Pixabay

Meistens wird der Satz „dafür bin ich zu alt“ verwendet, weil man keine Lust hat, sich mit einer bestimmten Sache zu beschäftigen. Oder aber, weil man die Beschäftigung damit für kindisch hält. Ob man für so was wie Legosteine wirklich zu alt sein kann, ist definitiv Ansichtssache — ich denke eher nicht.

Bleiben wir aber bei der Unlust, der fehlenden Motivation, der Faulheit oder aber Starrsinn und Unflexibilität. Gerade letzteres ist für mich im höchsten Maße erschreckend. Sich mit neuen Sachen zu beschäftigen ist für mich nie eine Frage des Alters. Es ist eher eine Frage, wie fit man im Kopf bleiben möchte. Neues zu lernen, lebenslang zu lernen hält nämlich fit. Öffnet die Augen, erweitert den Horizont.

„Dafür bin ich zu alt“ ist für mich daher auch eine sehr konservative Aussage. Bei einem Telefonat gestern fiel wieder dieser Satz, als es um Internet und einen Internetanschluss ging. Ende der 90er Jahre, als ich bei der Arbeiterwohlfahrt in Gütersloh arbeitete, traf ich auf Seniorinnen und Senioren, die ganz offensichtlich dafür nicht zu alt waren. Die noch lernen wollten, wie man selber eine Internetseite erstellt. Nie werde ich den rüstigen 80-jährigen vergessen, der zu uns kam, weil er anfangen wollte mit der digitalen Bildverarbeitung. Er habe das bei seinem Enkel gesehen und sich deshalb alles notwendige gekauft. Computer, Scanner, Photoshop — einen Computer hatte der Mann zu vor in seinem ganzen Leben weder besessen noch bedient. Jetzt wollte er damit anfangen.

Vergangene Woche im Zug hatte ich eine ähnlich erfreuliche Begegnung. Eine Dame im Sitz direkt vor mir, geschätzte 67, hatte Kopfhörer auf. Die Arme bewegten sich permanent leicht, so dass ich neugierig wurde. Entweder hörte sie sehr aktiv Musik, oder tat etwas anderes. Und genau so war es. In ihren Händen hatte sie eine PSP Vita und spielte Crash Bandicoot — ziemlich gut sogar.

Mich würde es freuen, in dem Alter ebenso jung zu sein und vor allem niemals den Satz „dafür bin ich zu alt“ selber zu sagen.

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren