Der Fall der Autofreiheit

Der Fall der Autofreiheit

Es gibt etwas, was die Siedlung Stellwerk 60 hier in Nippes zu etwas Besonderem macht. Und das ist die Autofreiheit. Laut städtebaulichem Vertrag ist Siedlung nicht mit Autos zu befahren und gilt in ihrer Gesamtheit als Fußgängerzone — mit entsprechenden Ausnahme für Müllabfuhr, Krankenwagen und Umzugswagen (bei vorherige Anmeldung).

Nach der Bauordnung für das Land Nordrhein-Westfalen, Paragraph 51 muss bei (Neu-) Bauten eine ausreichende Anzahl an Stellplätzen für Autos zur Verfügung gewährleistet werden. Unter Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheit und des zu erwartenden Verkehrsaufkommens. Das kann bis zu einem Stellplatz pro Wohneinheit bedeuten.

mrtakeaway / Pixabay

Hier in der Siedlung liegt die Anzahl der offiziell verfügbaren Stellplätze deutlich darunter, nämlich bei einem Schlüssel von 0,2 Stellplatz pro Wohneinheit. Das hängt mit der angestrebten Autofreiheit und den Klauseln in den jeweiligen Miet- beziehungsweise Kaufverträgen zusammen. Sie laute so oder ähnlich:

Dem Mieter ist bei Vertragsabschluss bekannt, dass die angemieteten Wohnung im Rahmen des Projektes Autofrei Wohnen errichtet worden ist. Er hat Kenntnis darüber dass er kein Auto oder motorisiertes Zweirad besitzen darf. Dr Mieter erkennt ausdrücklich die in der Anlage aufgeführten Vereinbarungen bezüglich des Autofreien Wohnens an.

Ausgenommen von dieser Klausel sind nur diejenigen Eigentümer und Mieter, die einen Stellplatz in dem zur Siedlung gehörenden Parkhaus nachweisen können.

Soweit die Idee. Die Realität sieht hier leider anders aus, was auch der Grund für ein Schreiben des Nachbarschaftsvereins vergangenen Woche war. Es gibt zu viele schwarze Schafe — also Bewohner, die trotz der Klausel (oder in Unkenntnis der Klausel) ein Auto besitzen was auf sie gemeldet ist (die pfiffigen lassen es über ortsfremde Dritte laufen). Stellplätze gibt es für diese Autos natürlich nicht, was dazu führt, dass man irgendwo in der Nachbarschaft parkt. Entweder nimmt man dort jemand anderem seinen Parkplatz weg oder aber lässt den Wagen dort stehen, wo er nicht hingehört — Fußgängerbereich, Grünanlagen etc. Laut Schreiben des Vereins kommt die Stadt Köln bei einer aktuellen Zählung auf 61 Personen. Diese Erhebung soll Bestandteil des städtebaulichen Vertrages sein. Im Extremfall führt sie zur Aufgabe der Autofreiheit und somit zum Scheitern des gesamten Projektes.

Mich macht da traurig und wütend. Meine Frau und ich wohnen nicht nur hier, sondern leben die Autofreiheit auch tatsächlich. Wir wurden nicht gezwungen uns hier eine Wohnung zu nehmen, es war eine bewusste Entscheidung — eben weil die Siedlung autofrei ist und weil wir das Konzept für zukunftsfähig erachten. Wir erleben aber täglich, wie viele Bewohner für sich Ausnahmen in Anspruch nehmen. Frei Fläche vor der Siedlung werden zugeparkt, unabhängig ob sie überhaupt als Parkfläche vorgesehen sind.

Die Argumente, warum man denn doch ein Auto hat, sind meiner Meinung nach immer vorgeschoben. Wenn jemand in Düsseldorf arbeitet aber hier wohnt: So what? Ich arbeite in Essen und fahre mit der Bahn dorthin. Pro Strecke sind das mittlerweile 2:30 Stunde. Nehme ich in Kauf. Wenn man das Auto aus beruflichen Gründen benötigt, hat man entweder den falschen Beruf oder wohnt hier falsch. Niemand, wirklich niemand wird gezwungen hier zu wohnen. Wer ein Auto haben will, zieht doch bitte woanders hin. Die freien Wohnungen werden sich schnell mit Menschen füllen, denen autofrei Leben wirklich etwas bedeutet.

Alle Argumente für ein Auto lassen sich letztendlich auf eine Kernaussage reduzieren: „Ich hatte eine schwere Kindheit, ich brauche das Auto.“ Geht, nein fahrt doch einfach weg und lass uns autofrei auch in Zukunft leben! Danke.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren