Solidarität im Gesicht

Solidarität im Gesicht

Facebook ermöglichte es, sein Profilbild mit einem Overlay der französischen Flagge zu erweitern. Viele, wie ich auch, nutzen die Möglichkeit, um damit ihre Anteilnahme zu zeigen, der Opfer in Paris zu gedenken. Gleichzeitig wurden von anderer Seite nicht mit Vorwürfen und Einwänden gespart.

Ablasshandel, woanders geschieht täglich viel mehr, andere leiden auch — bis hin zu Heuchelei. Und das sind nur die Vorwürfe, die sich noch einigermaßen geschmackssicher bewegen.

Auch wurde sich dahingehende geäußert, dass manche Menschen anscheinend mehr wehrt sein als andere. Es müssten also mindestens 1.000 Einwohner in Afrika sterben für jeden Franzosen, der sein Leben ließ, damit man die gleiche Art der Anteilnahme zeigen würde. So was ist genauso Unfug wie der Vorwurf der selektiven Wahrnehmung.

jackmac34 / Pixabay

Nehmen wir uns doch einfach mal ein paar der Vorwürfe heraus. Das es täglich auf der Welt Menschen leiden, Angst vor Verfolgung oder Tod haben, bestreitet niemand. Diese Welt ist alles andere als friedlich. Man kann dagegen aufbegehren, jede auf seine Weise im Rahmen seiner Möglichkeiten. Das es so viel Elend gibt ist kein Grund, sich nicht ein Ereignis zu wählen, das einen persönlich besonders stark berührt. Oder anders gesagt: nur weil noch andere Ereignisse stattfinden, muss man nicht auf Solidarität verzichten. Frei nach dem Motto, man können nicht überall sein, also lässt man es ganz bleiben. Wer die Trikolore auf unseren Gesichtern kritisiert, sollt doch bitte mal vorlegen, für was genau er sich den engagiert — wenn er sich denn überhaupt engagiert.

Heuchelei. Es ist schon niederträchtig, jemanden so etwas vorzuwerfen. Niemand von uns schwimmt auf einer Welle mit, ändern sein Profilfoto, weil es gerade angesagt ist. Für die offen gezeigte Solidarität gibt es viele Gründe. Und einer davon ist der Umgang mit der eigenen Trauer. Schon mal darüber nachgedacht, wem ein Grabstein auf dem Friedhof nützt? Dem Toten sich nicht, dem sind auch Blumen und alles andere egal. Es sind die, die zurückgeblieben sind, die den Verlust eines geliebten Menschen verarbeiten müssen.

Die Trikolore auf den Profilfotos ist auch ein Ausdruck der eigenen Angst und Hilflosigkeit, der Ohnmacht angesichts des Schreckens. Wer hat bitte das Recht, uns diesen Versuch der Bewältigung des Unbegreiflichen schlecht zu reden?

Niemand hat angesichts des Terrors Antworten, die wirklich weiterhelfen. Trösten Worte dienen als Stütze, genau so wie ein geändertes Profilbild. Wir verbessern nicht die Welt, wir versuchen nur, sie zu verstehen. Und wenn ein temporär geändertes Profilfoto dabei hilft, dann ist das eben so. Darüber muss sich niemand aufregen. Man muss sich auch nicht dafür rechtfertigen. Aber vielleicht erklären.

Das Ereignisse, die näher an unserem eigenen Lebensumfeld dran sind ,uns auch deutlich näher gehen, ist eine Tatsache. So sind wir als Menschen gestrickt, es hat nichts mit Wertigkeiten zu tun. Würde jemand einer Mutter ihre Trauer um die verstorbenen Kinder vorwerfen mit dem Hinweis, in Afrika stürben jeden Tag viel mehr Kinder? Ich denke niemand wär so herzlos.

Wir trauern in besonderer Weise mit den Franzosen, vielleicht auch gerade deshalb, weil wir uns aus guten Gründen verbunden fühlen — und das ist auch gut so.

2 Replies to “Solidarität im Gesicht”

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren