Stellwerkzeit später

Stellwerkzeit später

Verständnis ist ein Wort, was sich leichter sagt als tatsächlich vorhanden ist. Was ist aber Verständnis an sich? „Das inhaltliche Begreifen eines Sachverhaltes“, wie Wikipedia schreibt, wäre eine mögliche Auslegung des Wortes. Empathie eine andere. Im Falle der Deutschen Bahn geht es in der Regel um einen Sachverhalt, den man auf die eine oder andere Weise nachvollziehen kann. Empathie bei einem Unternehmen passt hier eher weniger. Sympathie, möglicherweise, aber das ist dann ein ganz anderes Thema — wobei, wenn man kein Verständnis mehr aufbringt, ist es mit der Sympathie auch recht schnell vorbei.

benscherjon / Pixabay

Kommen wir aber zurück zur Nachvollziehbarkeit eines Sachverhaltes. Die Definition greift meines Erachtens viel zu kurz, denn wenn ich etwas nachvollziehen kann, ist dies längst nicht gleichbedeutend mit Verständnis, wie jemand anders den Sachverhalt bewertet und darauf reagiert. Nehmen wir, aus aktuellen Anlass, den Stellwerkbrand in Mülheim an der Ruhr. Das das Stellwerk brannte und in Folge der damit verbunden Schäden der Bahnverkehr beeinträchtigt ist, kann ich persönlich verstehen. Schwieriger wird es dann schon mit den mutmaßlichen Ursachen des Brandes, denn wie es heisst, versahen im Stellwerk 50 Jahre Relais ihren Dienst.

Ganz dunkel sieht es dann aus, wenn ich mich bemühe, den Umgang der Bahn mit dem Vorfall zu verstehen. Das ist mir nach wie vor unmöglich.

Fakt ist nach wie vor, dass es zwischen Düsseldorf und Dortmund zu Probleme kommt und je nach Zugverbindung der Halt in Duisburg, Essen und Bochum entfällt. Oder auch nicht, denn ein einheitliches Muster ist nur sehr schwer zu erkennen. Wirklich sicher ist nur, dass der Fernverkehr an einem der wichtigsten Knotenpunkte offensichtlich weiterhin gestört bleibt. Wie lange das dauert, da schwanken die Information von Monaten bis hin zu einem Jahr.

Jeden Tag, wenn ich mich auf den Weg in die Agentur nach Essen mache, muss ich zwangsläufig den Kopf schütteln. Mitarbeiter der Bahn sind nur unzureichend informiert, sucht sich auf Nachfrage das, was man als Kunde wissen will, von der Internetseite des Unternehmens zusammen. Wann welcher Zug tatsächlich nach Essen fährt, schaut man lieber selber nach als sich auf Antworten der Mitarbeiter zu verlassen. Mehrfach erhielt ich die Auskunft, der ICE 1645 von Köln ab 8:28 Uhr Richtung Berlin würde nicht in Essen halten. Die Aussage ist definitiv falsch. Der Zug hat „lediglich“ eine Verspätung zwischen 20 und 30 Minuten — mittlerweile, denn am Anfang war das noch mehr.

Nach Essen kommt man vom Rheinland aus also hin. Zurück sieht die Sache dagegen ganz anders aus. Einen Fernzug, der ab Essen Richtung Süden fährt, scheint es zwischen 17 und 19 Uhr nicht zu geben. Als Pendler muss man daher erstmal nach Duisburg gelangen, denn von dort aus fahren Züge. Moment, fragt man sich da, ist denn Duisburg nicht auch betroffen? Jein. Züge die aus dem Westen kommen, fahren regulär, mit etwas Verspätung Richtung Süden. Nur Richtung Osten, also nach Essen, sieht es schlecht aus. Die meisten Fernzüge werden daher an Duisburg vorbei über Gelsenkirchen umgeleitet. In die andere Richtung, von Dortmund aus, geht es vermutlich auch über Gelsenkirchen, aber in den meisten Fällen halten die Züge in Duisburg — aber eben nicht in Essen und Bochum.

Was fährt, sind S-Bahnen und Regionalzüge. Die meisten jedenfalls. Die haben jedoch zum Teil erhebliche Verspätungen und sind rappelvoll. Gesetzt den Fall, man kann bis hier hin wirklich noch alles „verstehen“ hört es an dieser Stelle auf. Was hindert ein Unternehmen denn daran, bei einem Schaden im Stellwerk noch ein oder zwei Waggons mehr dranzuhängen an einen Zug, der ehedem fährt? Warum wird kein Krisen-Fahrplan aufgestellt, sondern Normalität vorgegaukelt?

Ich für meinen Teil kann mich glücklich schätzen, einen Arbeitgeber zu haben, der für meine Situation als Pendler Verständnis hat — und das ist wirklich nicht selbstverständlich.

3 Replies to “Stellwerkzeit später”

  1. Das mit den zusätzlichen Waggons ist ne einfache Kiste. Auf der Rhein-Ruhr-Schiene fahren wohl Züge, die bereits jetzt am Längenlimit sind, da es zwischendurch jeweils mindestens einen Halt gibt, für den der Zug bei einem zusätzlichen Wagen schlicht zu lang wäre.
    Der RE1 bspw. ist schon länger als übliche RE, aber mehr geht wohl nicht.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren