Giftanschlag im Kindergarten

Giftanschlag im Kindergarten

Ziemlich viral verbreitet sich derzeit bei Facebook etwas. Es geht darum, an fünf aufeinander folgenden Tagen jeweils ein Foto zu posten, was mindestens 15 Jahre alt ist. Man benötigt wenig Phantasie, um den Sinn dahinter zu erkennen. Oberflächlich betrachtet ist es eine große Gaudi für alle diejenigen, die einem folgen uns sich darüber amüsieren — wobei, immer schön daran denken, wer lacht oder liked, wird selber nominiert.

Auf der anderen Seite sind die Bilder natürlich ein gefundenes Fressen. Älter als 15 Jahre, als noch vor der Zeit, als Facebook überhaupt gab. Die meisten von uns werden wohl eher keine Beiträge nachträglich eingestellt haben, um den Zeitraum vor 2004 abzudecken. Das soziale Datenmonster gelangt alles in den Besitz von Bildmaterial aus unseren Fotoalben, die in den meisten Fällen wohl auch noch analoge Fotos enthalten.

Kindergarten in glücklichen Zeiten
Kindergarten in glücklichen Zeiten

Wer wie ich die 80er Jahre kennt, ist froh wenn er daran unter keinen Umständen erinnert wird. Allein schon die Frisuren waren Grund genug, sich sofortigen Haarausfall bei allen Mitmenschen zu wünschen.

Wie dem auch sei, ich habe keine Minuten gezögert, als man mich „nominiert“ hat. Seit gestern gibt Bilder von mir bei Facebook, die ich bis auf das heute im Rahmen dieses Artikels auf gar keinen Fall im Blog zeigen werde — und dabei habe ich für Facebook noch die harmlosen Bilder ausgewählt. Das Bild von heute, auch hier im Blog, zeigt mich inmitten einer Gruppe von gleichaltrigen Kindergartenkinder. Die Aufnahme stammt etwa von 1974. Auffällig ist, dass auf dem Bild 22 Kinder aber nur zwei Erzieherinnen zu sehnen sind. Das kein Versehen, sondern war damals tatsächlich so.

Auch andere Dinge waren damals noch anders. Hatte eines von uns Kindern Geburtstag, gab es selbstverständlich einen Kuchen, den zu Hause die Mama oder Oma gebacken hatte. Niemand hatte irgendwelche Bedenken, warum auch. Meiner Meinung nach war das eine Zeit, in der vieles deutlich unbeschwert gesehen wurde.

Das das heute anders ist, braucht man sich nicht einzubilden. Es reicht, Zeitung zu lesen wie ich am vergangenen Samstag zum Beispiel. Den Artikel in der Süddeutsche Zeitung hatte ich fast schon wieder vergessen, aber mit dem Kindergartenbild von heute kam er wieder hoch in meinen Erinnerungen. Es geht darin exakt um Kindergärten und Geburtstagskuchen.

In Leipzig, so war in der SZ zu lesen, hat das Jugendamt zum Schutz der Kinder das Mitbringen von Selbstgebackenen jeglicher Art untersagt. Es sei ein unkalkulierbares Gesundheitsrisiko. Man wisse schließlich nicht, unter welchen hygienischen Bedingungen der Kuchen (oder sonst was) entstanden sei. Zudem bestünde die Möglichkeit, dass einzelne Kinder auf bestimmte verwendete Zutaten (Nüsse, Soja, Milch…) allergisch reagiere. Daher sei grundsätzlich nur noch eingeschweißte und deklarierte Fertigware erlaubt.

Beruhigt hat mich etwas der Aufschrei von betroffen Eltern. Auf ihren Druck hin gab der Bürgermeister nach und hob die Verordnung wieder auf. Fragt sich nur, für wie lange, denn andernorts ist eine solche Regelung längst Alltag.

Vielleicht sollten Eltern sicherheitshalber ganz drauf verzichten, ihre Kinder in den Kindergarten zu schicken. Schließlich können sich beim unkontrollierten Kontakt zu anderen Kindern auch unzählige Keime verbreiten — von Krankheiten ganz zu schweigen.

2 Replies to “Giftanschlag im Kindergarten”

  1. … dass Du hier der Bilderkennungssoftware namentlich verknüpfte Bilder Deines jungen Selbst zwecks Analyse und Bildauswertung zu Verfügung stellst erwähnst Du leider nicht einmal ansatzweise…

    1. Ja, richtig. Wird hier nicht erwähnt, macht mich aber nicht nervös. Wäre für ich nur fatal, wenn es eine Zeitmaschine geben würde…

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren