Betrachtungen aus der Rechtsmedizin

Betrachtungen aus der Rechtsmedizin

Anfangen muss man in diesem Fall mit dem Ende des Freitag abends. Es ging neben einer Krimilesung auch das Leben eins Nagetiers zu Ende. Das wirkte auf den Betrachter wie ein bizarrer Nachhall zur gelungenen Veranstaltung in der Kölner Rechtsmedizin.

An der ersten Ampel, die wir auf dem Rückweg überquerten, flizte eine Rate am Straßenrand entlang. Zu schnell für ein Foto verschwand sie unter einem parkenden PKW. Weniger Meter weiter, die Ampel quer über die Straße „Melatengürtel“ hin zur Haltestelle „Weinsbergerstr. Gürtel“. Die Ampel stand auf Rot, die Ratte flitzte an uns, die wir warteten, vorbei auf der Straße, mit etwa 50 cm Abstand zum Bordstein. Ein gewagtes Manöver auf einer vielbefahrenen Straße.

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Unterhaltungswert ins Bild gesetzt

Das Auto fuhr nicht mal mit erhöhter Geschwindigkeit, erwischte den unaufmerksamen Nager linksseitig. Ein Geräusch, wie wenn man mit dem Fuß auf einen halb gefüllten Ball tritt. Anderthalb Meter von uns entfernt bleib das Tier liegen. Mehre Sekunden lang zuckte das rechte Hinterbein noch. Dann sprang die Ampel auf Grün.

Ein Rechtsmediziner sollte eine lebensbejahende Einstellung haben, hatte Prof. Dr. Markus Rothschild noch eine halbe Stunde zuvor gesagt. Fangen wir jetzt aber von vorne an. Im Rahmen der, diesjährigen Crime Cologne war die Lesung von Wolfgang Wettstein die einzige Veranstaltung, die meine Frau und ich besuchten (kleine Anmerkung: erst viel später wurde aus der Lesung auf der Webseite „Lesung und Gespräch“). Beim Kauf der Tickets vor einer gefühlten Ewigkeit waren weder Autor noch Krimi bekannt. Die Entscheidung trafen wir ausschließlich auf Grund des Veranstaltungsorts. Das rechtsmedizinische Institut zu Köln, so was wollten wir beide schon lange mal von innen gesehen haben – lebend versteht sich.

Die Veranstaltung fand dann nicht in einem der Kühlräume statt, sondern es wurde ein geräumiger Hörsaal zur Verfügung gestellt. Auf der einen Seite etwas schade, weil sich Hörsäle doch ziemlich ähnlich sind und wird diese bereits aus dem Studium kennen, auf der andern Seite haben wir bei nur sehr wenigen Lesungen so bequem gesessen.

Vorne saßen an diesem Abend Wolfgang Wettstein, Autor des Krimis, Jürgen Orthaus als Moderator und der Rechtsmediziner und Institutsleiter Prof. Dr. Markus Rothschild. Schnell wurde auch klar, warum mir bisher noch kein Krimi des Autors untergekommen ist. „Mörderzeichen“ ist sein Erstling. Kann mal passieren, muss auch keine Schande sein. Vom Emons Verlag wurde er für die Crime Cologne sicher deshalb gestellt, weil er sich als Schweizer Fernsehjournalist bereits an anderer Stelle seine Meriten verdient hat.

Nach einem Warming-Up mit verteilten Rollen las Wettstein dann den vermutlich Beginn seines Krimis vor. Einen Brief des Serienmörders an den Rechtsmediziner, welcher im folgend wohl als Hauptfigur bezeichnet werden darf. Dabei skizziert der Mörder den Mediziner, schließt von Äußerlichkeiten auf das Wesen. Mag vielleicht als philosophisches Experiment interessant sein, als Zuhörer und Krimi-Leser fand ich solch eine Einführung allerdings langweilig. Mal zum Vergleich:

Er sah aus, wie der Drittletzte beim James-Dean-Wettbewerb in Wanne-Eickel […]
aus: „Lebenslänglich Pizza“ von Christoph Gottwald

So beschrieb Christoph Gottwald seine Figur „Manni“ in „Lebenslänglich Pizza“ im Jahr 1986. So was will ich lesen, so was packt mich. Eine Figur mit dem Namen „Sokrates“ dagegen ist allein schon vom Namen her befremdlich bis peinlich.

Wie dem auch sei, die erste Textpassage war eine von dreien, die am Abend vorgetragen wurden. Wie sich zeigte, würde der Redeanteil des Autors insgesamt deutlich geringer ausfallen als das, was Prof. Dr. Rothschild von sich gab, immer wieder befragt von Jürgen Orthaus. Der Moderator verriet allein schon durch seine Körperhaltung und -sprache, wem er mehr zugewandt war.

Man kann das bedauern, weil bei einer Lesung doch der Autor im Vordergrund stehen sollte. Oder man ist begeistert, weil der Abend enorm unterhaltsam wurde. Allein doch den Autor wäre es wohl nie so gewesen. Der überzeugte zumindest mich auch nicht durch die weiteren Textpassagen. Und wenn dort detaillierte jeder Vorgang der gerichtsmedizinische Untersuchung beschrieben wird, taucht im meinem Kopf nur das hässliche Wort „Infodump“ auf. Wie Wettstein Sexszenen auf Basis von Weltliteratur beschrieb, welche die Tochter des Protagonisten nachstellt, blieb dem Publikum dankenswerte Weise erspart.

Der Abend war, wenn man den Unterhaltungswert als Maßstab heranzieht, insgesamt gelungen. Den Verdienst dafür lässt sich Prof. Dr. Rothschild zuschreiben, der wirklich noch mal darüber nachdenken sollte, nicht doch einen eigenen Krimi zu schreiben. Seinen Betrachtungen aus der Rechtsmedizin verdienen in jedem Fall ein größeres Publikum.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren