Extratour

Extratour

Es war noch gar nicht so lange her. Sowohl er als auch seine Kleidung hatten bessere Tage gehabt. Bevor sich die Erinnerung an diese Zeit den Weg in sein Bewusstsein bahnen konnte, nahm er noch einen tiefen Schluck. Etwas trat gegen seine maßgefertigten Schuhe.

„Scher dich fott, dat ess ming Plaatz.“

Er rappelte sich auf. Widerspruchslos ließ er sich vom Seiteneingang vertreiben. Die Stimme hatte recht. Es war nicht sein Platz. Langsam torkelte er über die Domplatte keinem Ziel entgegen.

5:30, Schichtbeginn auf dem Betriebshof

„Und?“
„Wie un, hes do et Spill gestern nit gesinn?“

Jupp blickte rüber zu Manes. Der schien mit den Gedanken woanders zu sein. Statt sich seine Jacke über zu ziehen, blickte er auf den Boden. Dabei gab es zumindest was den FC anging, keinen Grund zur Trauer. Ein erstklassiger Sieg war das gewesen. Wie Podolski wieder den – Jupp riss sich aus seiner Schwärmerei.

„Minsch komm, mer müsse los. De Tonn leere sich nid von all en.“

Hermann, den hier alle nur Manes nannten, blickte hoch. Mit der Hand strich er über sein unrasiertes Kinn und zog sich langsam weiter an. Was den FC betraf, hätte er das Spiel gestern sehen müssen.

„Hast recht. Holst’e schon die Schlüssel?“

Der Angesprochene merkte, dass Manes noch etwas Zeit brauchte. Die Hand von Jupp fühlte den Schlüssel in der Hosentasche.

„Unterwegs. Kannst dann zom Wage komme.“

Jupp verließ die Umkleide und überließ Manes sich selbst. Gemächlich schob er seinen Bauch auf den Betriebshof. Fast hätte er es bis zum silbernen 12 Tonner geschafft.

„Morgen, Jupp! Machst’e die Tour heute ganz allein?“
„Nä, der Manes kütt noh.“

Wobei sie normalerweise zu dritt wären. Halit war schon seit ein paar Tagen nicht mehr zur Arbeit erschienen. Sah ihm nicht ähnlich. Er hatte ihnen doch den Zweitjob verschafft. Es gab keine Krankmeldung. Ersatz, daran brauchte Jupp gar nicht zu denken. An allen Ecken und Enden fehlte es zu dieser Jahreszeit an Personal. Wer wollte schon Mülltonnen entleeren, wenn andere noch schliefen oder immer noch feierten. Jupp drehte sich um. Der Hämische war wieder zu seinem Wagen unterwegs. Nur mal kurz den Kollegen den Tag versauen, da war der gut drin, ging Jupp durch den Kopf.
Manes trat auf den Hof. Jupp sah, dass es ihm immer noch nicht besser ging.

„Minsch do bess jo endlich. Könne mer?“

Manes nickte nur mit dem Kopf und nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Jupp zuckte mit den Schultern, dann stieg ebenfalls in den Wagen ein. Ihre Tour. Seine Stadt. Wenn die Mülltonnen voll waren, konnte man Köln auf eine ganz andere Art sinnlich erleben. Über den Betriebshof raus auf die Straße, Richtung Innenstadt. Immer dem Geruch nach. Jupp hatte in all den Jahren gelernt, sich davon nicht den Appetit verderben zu lassen. Er strich sich über den Bauch.

6:00 Uhr, Innenstadt

„Endstation, all ussteige.“

Immer der gleiche Witz. Manes lächelt nicht mal müde darüber. Er drückte die Tür auf, wollte schon aussteigen, besann sich aber doch noch kurz und drehte sich zu Jupp um.

„Dann wollen wir mal.“ Sprach es und war auf der Straße.
Kurze Zeit später sah Jupp ihn auf dem Monitor des Wagens hinten mit zwei Mülltonnen ankommen. Es ging los. Der Wagen brummte. Heute würde das seine Musik sein. Seine Sorgen hatten sich wie Ringe um den Bauch gewickelt, der mal flacher war. Damals, als er Lisa das erste Mal traf. Sie war im Glauben gewesen, er hätte sich als Müllmann verkleidet. Aus dem Missverständnis wurde eine Beziehung, aus der Beziehung wurde Caroline. Auf Caroline folgte Sebastian. Dann der Umzug ins eigene Heim. Jupp wollte zumindest auf diese Weise mithalten können. Er hatte Lisa doch lieb. Gehabt. Jupps Blick wanderte zur Brotdose. Sie war leer diesmal. Daran würde sich auch demnächst nichts ändern. Streit legte sich zu Hause wie eine Wolke über die Köpfe der Kinder.

Do krisste en Aap. Wat soll dat wäde?

Ein offensichtlich Verwirrter lief ihm fast vor den Wagen. Jupp konnte gerade noch rechtzeitig bremsen. Der Idiot blieb einfach auf der Fahrbahn stehen und machte keine Anstalten, sich da weg zu bewegen.
Fluchend stieg Jupp aus.

„Do möchs wohl eine vör de Höner?“

Irritiert sah ihn der Obdachlose an. Der Kerl musste von der Straße. Jupp ging auf den Mann zu. Der schien zu begreifen, wo er eigentlich war und flüchtete auf den Bürgersteig. Von der Seite waren rollende Tonnen zu hören. Bevor Manes erschien, war Jupp wieder im Wagen.

8:30 Uhr, Stehbäckerei, Nähe Hansaring

Jupp stöhnt. Der Regen draußen musste nicht sein. Ihre Arbeit würde dadurch nicht leichter. Manes neben ihn hielt sich an seinem Kaffee fest. Zumindest etwas, worauf man sich um diese Uhrzeit freuen konnte. Jupp schlug den Express auf.

„Leck mich en de Täsch.“

Auf Seite zwei starrte ihn der Obdachlose von vorhin an.

„Jürgen Risk verschwunden. Leiter der Kreditabteilung bei Sal. Oppenheim wurde zuletzt am
Samstag Abend gesehen.“ lass Jupp vor.
„Das musste ja so kommen.“

Jupp blickte Manes irritiert an.

„Wie dat musste su komme?“
„Na das mit dem dicken Pitter.“
„Sach‘ mal, wat het Risk denn met däm Dicken Pitter zo tun?“
„Na dass der Klöppel irgendwann mal abbricht war doch klar.“

Jupp biss ein großes Stück von seinem Mettbrötchen ab. Wenigstens das war noch normal. Vielleicht konnte ihn der untere Teil der ersten Seite etwas aufmuntern. Sein Blick fiel auf was ganz Dickes. Der Klöppel war also wirklich abgebrochen. Angeblich Materialermüdung. Klüngelklöppel. Jupp verschlang den letzten Rest vom Brötchen. Manes schien wieder in seinen eigenen Gedanken versunken zu sein.

„Komm trink op, mer müsse los.“
Manes starrte in die Tasse, der letzte Schluck blieb drin. Grübelnd folgte er Jupp zur Tür.

„Tschö Erna.“
„Machtet juut, und vor allem sauber!“

Erna zwinkert über die Theke zu ihnen rüber. Das sie seit drei Monaten Witwe war, konnte man ihr nur auf Grund ihrer gute Laune anmerken. Durch die geöffnete Tür schlug Jupp der Regen entgegen.

zur gleichen Zeit, Bahnhofsviertel

„Haben wir dich also endlich gefunden. Hast dich extra fein gemacht für uns, was?“
„Man der stinkt!“
„So wie der aussieht, hat er heute Nacht unter der großen Panoramascheibe geschlafen.“

Der Gesuchte blickte hoch zu den beiden Männern.

„Wo ist denn mein Schuh“, war das letzte, was ihm vor der Kugel durch den Kopf ging.

Zu zweit schleiften sie ihn rüber zum Kofferraum.

8:50 Uhr, Hansaring

„Solle mer tuusche?“
„Nein, nicht nötig.“

Manes stand wieder hinten, Regen lief an seiner Jacke herunter. Im Wagen wäre es jetzt trocken und warm. Jupp hätte mit ihm getauscht, Manes aber konnte nicht. Die Kälte kroch an ihm hoch. Nach der Brücke würde er sich wieder auf Tonnen stürzen, auch wenn ihn keine geleerte Tonne seinem Ziel kein Stück näher brachte.

Rechts rum. Manes hielt sich fest. Der Wagen stoppte, die Tonnen warteten auf ihn. Ein Hausflur. Manes klingelte, wartete. Als er das Summen hörte, stieß er die Tür auf. Mit den vollen Tonnen nach draußen. Manes hakte die Tonnen ein, ließ sie leeren. Ohne Müll darin rollte er sie wieder zurück.

Das Geld reichte einfach nicht. Reichte nicht für das, was bezahlt werden musste. Seit dem Unfall. Dabei hatte Manes ihr nur einen Wunsch erfüllen wollen. Ein Lichtblick, bevor ihr Leben nur noch aus Vergessen bestanden hätte. Auf eigene Verantwortung war sie von ihm aus dem Krankenhaus geholt worden. Er hatte sie in den geliehenen Wagen gepackt. Verdeck offen, es war Frühling, sie waren schnell. Zu schnell. Totalschaden.

Das nächste Haus. Die Tonnen standen an der Straße. Manchmal war es so schön einfach. Er ging weiter auf dem Gehweg, zu den nächsten Tonnen. Was für ein Ferkel, was hatte der denn da noch reingestopft. Der Deckel ging nicht mehr richtig zu. Kaum zu fassen. Das gehörte doch nicht in die Tonne.

‚Stehen lassen?‘, fragte sich Manes. Dann musste er wieder einen Zettel kleben, sonst gab es hinterher Beschwerden. Dem Manes war das alles egal, einfach ran mit der Tonne, Knopf drücken. Weg ist das Zeug.

Sie hatte nicht gelitten, ein leichter Tod verglichen mit dem was hinter ihr lag. Manes hingegen stand allein da, mit dem Trümmern zweier Leben. Ihr Parfüm hing ihm noch in der Nase, hatte ihn in diese Stadt getrieben. Ein Neuanfang, der keiner war. Alle wollten Geld von ihm. Der Autoverleih. Die Versicherung des Unfallgegners. Das Gericht.

„Sie müssen sich bewähren.“

War das wirklich besser als im Gefängnis zu landen? Der Richter hatte gewusst, dass Manes schon gestraft genug war.
Da lagen noch zwei Müllbeutel. Immerhin, offizielle, waren also bezahlt. Auch rein damit. Entsorgt.

14:05 Uhr, Schichtende

Über die Deutzer Brücke rüber auf die Schäl Sick. Mindestens einmal die Woche fuhren sie diese Strecke. Manchmal auch häufiger. Extratour. Gutes Geld bar auf die Hand. Eine Hand wusch die andere, auch in Klein-Istanbul.

Jupp parkte den Wagen auf der anderen Straßenseite. Zusammen mit Manes stieg er aus, beide gingen rüber zu „Import & Export“. Grußlos schloss ihnen die Glatze mit Schnauzbart den Keller auf. Sie stiegen runter, kamen mit einem großen aufgerollten Teppich wieder hoch. So einen konnte man nur zu zweit tragen. Zum Müllwagen, hinten rein damit. Knopf drücken. Weg. Noch mal rein in den Laden. Die Glatze drückte Jupp ein Bündel in die Hand.

„Kollege hier, stimmt so.“

Jupp nahm für sie beide das Geld in Empfang. Deutlich mehr als sonst. Dafür stand die Kellertür noch offen. Er wusste, worauf das hinaus lief. Zusammen mit Manes ging er noch mal runter, wieder ein Teppich. Als sie damit auf der Straße waren, schloss die Glatze hinter ihnen die Tür ab.

„Sollte es eigentlich nicht nur ein Teppich heute sein?“ Manes war noch blasser als sonst.
„Eijetlich saare eijetlich nur Fraue.“

Jupp wollte nicht darüber diskutieren. Auf der Straße lag ein einzelner Schuh. Sah verdammt teuer aus. Musste wohl aus dem Teppich gefallen sein. Bevor Manes ihn sehen konnte, hatte Jupp ihn mit dem Fuß unter den Wagen geschoben.

Der Teppich verschwand im Müllwagen, wie immer. Während Jupp auf den Knopf für die Presse drückte, schlang Manes sich die Arme um den Oberkörper. Sie mussten nur noch zur Müllverbrennungsanlage.

„Hast du dich nicht auch mal gefragt, was in den Teppichen ist?“
„Jitz bess do schon su neujierich wie de Halit.“

Manes betrachtete das Straßenpflaster. Feierabend für heute.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren