Nur eine Stunde — Teil X

Nur eine Stunde — Teil X

Polizeianwärterin Schwendt hakte nach.

„Kann es nicht sein Frau Wegmann, dass sich Ihr Mann nur verspätet hat?“ Zu spät bemerkte sie ihren Versprecher.

„Nein. Ex-Mann.“

Schwendt verbesserte sich.

„Also ihr Ex-Mann. Er ist immer noch mit Tim unterwegs. Haben Sie schon versucht, ihn zu erreichen?“

„Er darf ihn nur eine Stunde haben, nur eine Stunde!“ Die letzten Worte schrie Vera heraus, dann sackte sie in sich zusammen. Martin hatte Tim entführt. Schlimmer noch, ihn umgebracht.

„Er hat ihm was angetan.“

Schlaff hingen ihre Arme vom Körper, den Kopf nach unten schaute sie auf den Boden. Tim war tot. Sonst hätte Martin ihn doch zurück gebracht. Vera sah die Polizistin an. Sah ihre Unerfahrenheit als Frau.

„Eine Mutter spürt, wenn etwas mit ihrem Kind ist.“

An diesem Satz hatte Schwendt zu schlucken. Das saß. Bevor sie antworten konnte, setzte Vera nach.

„Mein Ex hat Tim schon vor der Geburt abgelehnt, sah ihn immer als Störfaktor an. Mit Kindern kann er nicht umgehen.“

„Und trotzdem hat er seinen Sohn sehen wollen, oder?“

„Nur um mich zu quälen. Jedes Mal, wenn ich ihm Tim überlassen musste, habe ich gelitten. Sie können sich gar nicht vorstellen, was dieser Mann für ein Mensch ist.“ Vera zeigte ihr die Stelle am Arm, wo sie sich an der Tür gestoßen hatte.

„Sehen sie, er hat mich geschlagen.“

Schwendt starrte auf den sich ins Grünliche verfärbenden Fleck. Das sah wirklich übel aus. Sie dachte an ihre letzte Beziehung und schluckte. Was diese Frau durchgemacht hatte, musste wirklich schrecklich sein. Nicht auszudenken, wenn dem kleinen Tim wirklich was passiert war. Beim dem Gedanken, daran möglicherweise mit Schuld gewesen zu sein, könnte sie nicht ruhig schlafen. Vera liefen die Tränen über die Wangen. Sie legte Frau Wegmann ihre Hand kurz auf den Arm, sanft ohne Druck.

„Warten Sie bitte einen Moment.“

Kröger hatte in der Zwischenzeit über die Leitstelle einen Psychologen angefordert. Dieser würde dann zusammen mit dem Notarzt eintreffen. Schwendt besprach mit Kröger das weitere Vorgehen. Da möglicherweise Gefahr in Verzug bestand, erschein es als angebracht, Martin Wegmann zur Fahndung auszuschreiben. Ohne weitere Informationen würde das jedoch keine einfache Angelegenheit werden. Kröger wand sich an die Frau im Wohnzimmer.

„Frau Wegmann, habe sie einen Anhaltspunkt, wohin ihr Ex-Mann möglicherweise mit ihrem Sohn gefahren ist?“

„Sie wollten zum Zoo.“

Kröger kannte den Zoo von zahlreichen Besuchen. Früher mit seinen Kindern, dann mit seinen Enkeln. Sich in einer Stunde alles anzusehen, war völlig unmöglich. Insbesondere dann, wenn man mit Kindern unterwegs war.

„Gut, wir werden dort anfangen.“ Er ließ sich von Vera den Wagen beschreiben und das Autokennzeichen geben.

Schwendt fotografierte Bilder von Herrn Wegmann und Tim und schicke diese direkt an die Leitzentrale. Die Kollegen dort würden dafür sorgen, dass Beamten aus der Bereitschaft darauf Zugriff erhielten. Der Zustand von Frau Wegmann schien sich, so kam es Kröger vor, endgültig verschlechtert zu haben.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren