Dem Nachbarn sein Wirt

Dem Nachbarn sein Wirt

Der Begriff Utopie leitet sich von Utopia ab, dem „Nicht-Ort“. Gemeint ist ein Wunschtraum, der aber nie wirklich werden kann. Schließlich sind wir alle nur Menschen und keine Engel.Meiner persönlichen Theorie zufolge müssen demnach alle von Menschen erdachten Utopie scheitern. Manche früher, andere später. Das sie scheitern werden, steht für mich außer Frage. Wie es der Zufall so will, bekam ich diese Woche mehrere unterschiedliche Texte zu lesen, die genau das bestätigen.

ClkerFreeVectorImages / Pixabay

Hohe Wellen schlug ein Schild, welches ein Wirt aus Düsseldorf aufhängte. „Keine Kinder, keine Hunde“ waren demnach erwünscht im Biergarten. Aufschreie empörter Eltern gab es, und ein grandioses Interview mit dem Wirt in der Süddeutsche Zeitung unter dem Titel „Zehn bis 20 Prozent der heutigen Eltern kotzen mich extremst an“. Der Mann hat spätestens nach dem Interview meine volle Sympathie, da er den Nagel nicht nur einmal auf den Kopf trifft.

Patrick Weiß hat nichts gegen Kinder. Die sind wie sie sind. Aber die Eltern, welche davon überzeugt sind, keine Grenzen setzen zu müssen,sind ihm (und auch mir) ein Dorn im Auge. Beispiele wie diese

Wir haben hier so eine Terrasse mit Liegestühlen, da kann man sich entspannen. Und was machen einige Eltern? Sie fangen an, ihrem Kind auf der Terrasse Fahrradfahren beizubringen. Ohne schlechtes Gewissen.
Quelle: SZ

brauche ich mir nicht vorzustellen. Die kenne ich aus eigener Anschauung unmittelbar vor der eigenen Haustür. Und damit wäre dann bei der Utopie einer autofreien Siedlung, einem Bullerbü, einer vermeintlich besseren Welt für Kinder und Eltern gleichermaßen. Pustekuchen!

Hier in der Siedlung gibt es seit einiger Zeit Probleme mit der Gokart-Nutzung. Fahrzeuge werden nicht zurück gebracht, auffindbar abgestellt, mutwillig ramponiert oder von Jugendlichen, die dafür schon zu eigentlich zu groß sind, verwendet. Nicht zu vergessen ist dabei eine teilweise sehr rücksichtslose Fahrweise.

Erklären muss man vielleicht dazu, dass die Gokarts dem Nachbarschaftsverein gehören und ausgeliehen werden können — was aber einen fairen Umgang aller damit voraussetzt.

Die autofreie Siedlung ist alles anderer als ein sozialer Brennpunkt. Ungläubig las ich, dass ältere Kinder jüngere unter Druck das Fahrzeug entwenden. Ein Vater war ziemlich entsetzt, als seinem Sohn sogar der Arm verdreht wurde, nur um an das Gokart zu kommen. Klar, so was passierte in ähnlicher Weise auch, als ich klein war. Aber nicht in der Gegenwart der Eltern. Man schaut nicht mal weg beim Fehlverhalten sondern ist vermutlich auch noch stolz darauf, wie durchsetzungsstark die eigene Brut ist.

Die Kinder, auch die „Gewalttäter“, möchte ich hier explizit noch mal in Schutz nehmen. Sie sind eindeutig das Produkt ihrer Erziehung. Und wie die Eltern hier ticken, kann man zum Beispiel daran erkennen, was alles an Gemeinschaftseigentum verschwindet. Es waren auch mit ziemlicher Sicherheit Erwachsene, die ein komplettes Geschirr aus dem Kaffee ausgeliehen und anschließend in ihr Eigentum überführt haben.

Wenn man sich daran macht, Projekte wie die autofreie Siedlung, Mehrgenerationen Wohnen oder Kommune ähnliches (einige Baugruppen auf dem Cloud Gelände) umzusetzen, sollte man nicht zu hohe Erwartungen an seine Mitmenschen haben. Oder direkt von Anfang an Schilder aufhängen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren