Befreit — aber nicht von Verantwortung

Befreit — aber nicht von Verantwortung

Das es 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs immer noch Menschen gibt, die ernsthaft überlegen müssen, ob für uns Deutsche dieses Datum den Tag der Befreiung oder aber der Niederlage markiert, erschreckt. Es erschreckt deshalb, weil es gar keine Frage sein dürfte.

Deutschland hat den Krieg begonnen, hat über 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens ermordet, sowie Schuld an den über 50 Millionen Toten durch direkte und oder indirekte Kriegsgewalt. Hinzu kommen diejenigen, die nur mit knapper Not überlebten und ihr Leben lang gezeichnet blieben. Die Zerstörung ganzer Landstriche und der Lebensgrundlage unzähliger Menschen kommt noch hinzu.

Der 8. Mai ist ein Tag der Befreiung, auf jeden Fall für die Menschen und Länder, die unter Nazi-Deutschland gelitten haben. Es ist aber auch ein Tag der Befreiung aller Deutschen von sich selber. Von Rassenwahn, Hass und bedingungslosen Gehorsam — auch wenn sich das unter der Oberfläche noch weiter hielt. Das Volk der Täter als Opfer zu bezeichnen, ist ziemlich heikel. Wir sind aber nicht Opfer einer fremden Macht geworden, sondern unseres eigenen Größenwahn.

Aussagen wie „man habe ja nichts gewusst“ werden durch Wiederholung nicht war. Längst ist widerlegt, dass die Menschen damals sowohl wissen konnten als auch tatsächlich gewusst haben, was vor sich ging. Die profitierten, wenn „plötzlich“ ein größere Wohnung frei wurde. Die sahen, wie Synagogen brannten. Die jubelten, wenn Bomben auf Polen, Russland und England fielen.

Die Gnade der späten Geburt ist nicht das moralische Verdienst meiner Generation, der Verstrickung in Schuld entgangen zu sein. Gnade meint hier nichts weiter als den Zufall des Geburtsdatums.
Helmut Kohl

Es ist leicht, über andere zu urteilen, wenn man selber erst weit nach dem Krieg geboren wurde. Man kann sich von dem, was Eltern oder Großeltern getan oder unterlassen haben, distanzieren. Befreit von der Verantwortung ist man dadurch allerdings nicht. Jede Nachkriegsgeneration hat die Pflicht, die Erinnerung an die Grausamkeit wachzuhalten, ein Bewusstsein für das zu schaffen, was wie passiert. Diese Verpflichtung ergibt sich aus einem Erbe heraus, sondern aus der Verantwortung dafür, eine Wiederholung zu verhindern.

Der heutige Tag war vor 70 Jahren der Tag der Befreiung für uns alle. Wir würden heute hier nicht stehen, sitzen, leben, wäre der Krieg nicht auf diese Weise zu Ende gegangen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren