Flug ohne Ankunft

Flug ohne Ankunft

Der Morgen in Köln begann heute leicht diesig. Für den Frühling kein ungewöhnliches Wetter. In der S-Bahn Richtung Bahnhof die gleichen Gesichter wie immer. Übermüdet, gelangweilt, Zeitung lesend oder Spiel auf den Smartphone spielend, alles dabei. Gleich ist in den meisten Fällen nur der Blick, in dem die Hoffnung liegt, auch dieser Arbeitstag wird zu Ende gehen. Es ist Mittwoch und am Ende des Tages hat man mehr als die Hälfte seines wöchentlichen Pensum geschafft. Gedanken, wenn. Man wie immer zur Arbeit fährt, beschäftigt nur mit eigenen Sorgen und Überlegungen was man sich abends leckeres zu Essen machen könnte.

Bis Düsseldorf sind es rund 45 Kilometer. Je nach dem, welchen Zug man vom Kölner Hauptbahnhof nimmt, hält diese auch am Düsseldorfer Flughafen. Stiege man dort aus, würde man an einem Ort ankommen, wo gestern der Flug 4U 9525 nicht ankam . Auf ihrem Flug von Barcelona nach Düsseldorf stürzte die Maschine vom Typ Airbus 320-211 aus bisher noch unbekannte Gründen in den französischen Alpen ab. Zerschellt an einem Berg bei einem Sinkflug, der eigentlich Bestandteil einer Landung auf einem Rollfeld ist. Alle der sich Board befunden 150 Menschen sind tot. Schlagartig herausgerissen aus ihrem Leben. Ein Unterschied in Herkunft und Religionszugehörigkeit macht der Tod nicht, auch wenn darin nicht mal ein schwacher Trost liegt. Tröstende Worte zu finden ist überhaupt schwer in so einer Situation. Was will man auch sagen? Manchmal hilft es den Hinterbliebenen, wenn einfach nur jemand für sie da ist. Jemand, der ihnen eine Schulter zum anlehnen bietet, der sie in den Arm nimmt.

In den Medien, auch online wird massiv berichtet, auch bei Twitter findet man unter dem Hashtag #4U9525 viele, die ihre Bestürzung und Anteilnahme versuchen in Worte zu fassen. Im Kölner Stadtrat gab es heute morgen eine Schweigeminute, im Landtag von Nordrhein-Westfalen gibt es morgen eine Gedenkminute. Woran die Mitreisenden heut morgen im Zug gedacht haben, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht der Handy-Spiele versucht sich abzulenken, war der Zeitungsleser gerade mit einem Bericht über den Absturz beschäftigt und die Frau mit den geschlossenen Augen dachte möglicherweise an einen Todesfall in der eigenen Familie.

Und ich selber, woran habe ich heute morgen in der S-Bahn auf dem Weg zum Hauptbahnhof gedacht? Von den 150 sind mir 16 besonders nah gegangen. Die Schülergruppe mit ihren zwei Betreuungslehrern von einem Gymnasium in Haltern. Austauschschüler auf dem Weg zurück nach Hause. Junge Menschen, die niemals alt werden. Mich beschäftigt das aus mehreren Gründen. Meine Frau ist selber Lehrerin an einem Gymnasium, Austauschprogramme sind nicht unüblich. Es war keine exotische Spaßreise, welche die Schülerinnen und Schüler da unternommen haben. Haltern am See erreicht man von Wesel, meiner Geburtsstadt, in 47 Minuten mit dem Auto. Haltern ist mir bekannt, ich war da nicht nur in meiner Kindheit und Jugend häufiger. Aus der empfundenen Nähe heraus entsteht eine stärkere Betroffenheit. Gestorben wird täglich überall. Was uns wirklich nah geht, sind die Toten, denen wir uns auf die eine oder andere Weise verbunden fühlen. So was ist menschlich, nicht verwerflich.

Die Bergungsarbeiten werden noch andauern, genau wie die Berichterstattung und das Interesse dran. Irgendwann jedoch ist das letzte Trümmerteil eingesammelt und Flug 4U 9525 nur noch eine kurze Meldung unter vielen. Selbst unsere eigene Betroffenheit wird nachlassen, meisten passiert das in Korrelation mit der abnehmenden Berichterstattung über ein Unglück. Den Angehörigen wird diese „Gnade“ nicht zu teil. Sie werden bis an ihr eigenes Lebensende die Lücke in ihrer Mitte vor Augen haben — Mütter und Väter, die ihre Kinder verloren haben. Hoffen wir für sie, dass zumindest die Leiche geborgen werden können und ein Begräbnis möglich ist. So banal sich das anhört, so wichtig ist es, denn Trauer braucht einen Ort.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren