Wer fragt verliert

Wer fragt verliert

Manchmal habe ich den Eindruck, bei bestimmten Dingen wäre es besser gewesen, nicht zu fragen, sondern einfach zu machen. Gerade wenn ein Behördenapparat ins Spiel kommt, können Antworten entweder lange (meistens sehr lange dauern) oder aber völlig unbefriedigend ausfallen. Selbstverständlich leben wir in einem Land, in dem alles seine Ordnung haben muss. Daher ersticken wir gerne auch Anflüge von Kreativität oder Initiativen zur Selbsthilfe mit Paragraphen.

Jugend-Unterstand
Jugend-Unterstand

Spulen wir etwas zurück, um meinen Unmut erklären zu können. Anfang Oktober schrieb in „Aus Kindern werden Jugendliche“ über den Raum, welchen Jugendliche für sich brauchen. Am 5. November habe es eine Mitgliederversammlung von Nachbarn60, dabei war Punkt drei der Tagesordnung „Was kann Nachbarn60 für Jugendliche in der Siedlung tun?“. Dabei trug eine Gruppe von Jugendlichen ein Konzept vor, welches sie erarbeitet hatten — so was verdient an sich schon mal eine gehörige Portion Respekt.

Sie hatten ins Auge gefasst, auf der Brachfläche hinter dem Parkhaus in der Siedlung in Eigenregie einen Bauwagen aufzustellen, dessen Nutzung sie selber verwalteten wollten. Für ihr Projekt benötigten sie die Erlaubnis des Eigentümers der Fläche so wie Unterstützung durch Nachbarn60 und ihre Eltern.

Bei der Mitgliederversammlung wurde das Projekt wohlwollend aufgenommen. Es wurden Fragen diskutiert,die such auf Auflagen durch die Stadt (Brandschutz) oder aber Nutzung durch andere Jugendliche bezogen. Auch sprach man über alternative Standorte so wie die Versorgung des Bauwagens mit Strom.

Dann wurde der folgende Antrag zur Abstimmung gestellt:

Der Verein unterstützt das Anliegen der Jugendlichen-Gruppe nach einem selbstverwalteten Raum in der Siedlung. Der Vorstand wird beauftragt, sich dafür einzusetzen, einen Bauwagen, Wohnwagen oder Container für die Jugendlichen auf der Reservefläche neben dem Parkhaus aufzustellen. Die Länge der Nutzung kann dem Besitzer des Grundstücks freigestellt werden. Im Erfolgsfall obliegen Beschaffung, Transport und Einrichtung des Wagens den Jugendlichen, ihren Eltern und weiteren Vereinsmitgliedern. Die Jugendlichen erhalten die Schlüsselgewalt für den Wagen und sind mit gelegentlichen Kontrollen durch ein Vereinsmitglied einverstanden. Wenn dieses Anliegen scheitert, soll der Vorstand sich für alternative Standorte einsetzen.

Dieser wurde einstimmig bei zwei Enthaltungen angenommen. Dem Projekt habe ich nicht nur aus Eigennutz (wenn die im Wohnwagen rumhängen, tun sie es nicht mehr vor unserem Balkon) zugestimmt, sondern auch weil ich die Idee an sich für gut heiße. Aus pädagogischer Sicht kann ich beurteilen, wie wichtig es ist, einen Raum für sich zu haben. Diese Sicht wird aber längst nicht von allen geteilt, insbesondere nicht von der zuständigen Jugendpflegerin. Bei Jugendamt gibt es generell Vorbehalte gegen geschlossene Räume, die von Jugendlichen selber verwaltet werden. Als Alternative wurde ein so genannter „Jugend-Unterstand“ vorgeschlagen.

Für diesen müssten, ebenso wie für einen Bauwagen (der ja nicht mehr in Frage kam) dann ein Bauantrag gestellt werden. Dabei sei dann auch ein Mindestabstand zur Wohnbebauung einzuhalten.

Für mich ist dieser Jugend-Unterstand keine Alternative. Das Ding sieht furchtbar aus, ist nahezu ungeschützt und hat den Charme einer Bushaltestelle. Zudem ist es im Winter genauso kalt wie die Bank, auf der sich die Jugendlichen in der Siedlung bisher treffen.

Die Art und Weise, wie hier mit Ideen verfahren wird, ist gut dazu geeignet, Jugendlichen früh die Illusionen zu nehmen, man können in der Gesellschaft etwas erreichen. Sicher mag es berechtigte Bedenken hinsichtlich der Aufsichtspflicht geben, wenn man an den Bauwagen denkt. Dafür aber ließen sich Lösungen finden. Hier wird ein an sich gutes Projekt bereits im Keim erstickt.

Würde jemand den Bauwagen auf seinem Privatgrundstück, einem großen Garten, aufstellen, würde sich dafür keiner interessieren. Mir ist auch nicht bekannt, dass jemand zum Beispiel für eine Gartenlaube ein Bauantrag benötigt (wobei ich mich da auch irren kann). An anderer Stelle werden in Köln Häuser und Brachflächen besetzt, ohne vorherige Erlaubnis. Nicht selten wird diese Nutzung dann zu einem Dauerzustand. Fragt dann eine Gruppe von Jugendlichen um Erlaubnis, wird gemauert. Und darauf verweisen, dass man ja bereits Einrichtungen für Jugendliche in der Nähe habe — unabhängig davon, ob diese auch für die Jugendlichen attraktiv sind.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren