Die chinesische iWatch frisst die Henne

Die chinesische iWatch frisst die Henne

Natürlich heisst es Apple Watch und nicht iWatch, aber das gehört bereits zu den „one more things“, zu denen wir erst später kommen werden. Spulen wir die Zeit zunächst zurück und fangen ganz von vorne an. Die Appel Keynote gestern Abend, Beginn 19 Uhr MEZ, eine Stunde vor der Prime-Time im deutschen Fernsehen.

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Ich mach auf dicke Hose

Wer wie ich Popcorn bereit gestellt und mindestes eine Stunde gute Unterhaltung vor dem heimischen Apple TV erwartet hatte, wurde enttäuscht. Schwer enttäuscht. Das es mitunter mal gelegentliche Aussetzer beim Stream gibt, wäre zu verschmerzen gewesen. So was kennt man bereits von den vergangenen Keynotes — auch wenn es nicht besser macht und für einen Technologiekonzern wie Apple eine extrem schwache Leistung (oder Leitung?) ist.

Vom Stream konnte gestern Abend keine Rede sein, es war mehr schwarzer Bildschirm als alles andere, so viele Aussetzer gab es. Und wenn es dann mal bewegte Bilder gab, wurde die englische Tonspur munter überlagerte durch eine chinesische Übersetzung. Vielleicht weil es ein großer Markt ist oder was weiß ich, keine Ahnung. Ich für meinen Teil empfand das ziemlich störend, so dass ich auf die schriftliche Berichterstattung drüben bei Caschy ausgewichen bin.

Mit der allgemeinen Gerüchteküche im Vorfeld habe ich mich kaum beschäftigt. Es wird vorher immer viel Wirbel gemacht von Leuten, die angeblich aus der Unterhose eines Apple-Mitarbeiters die kommenden Produkte herauslesen können. Dennoch überraschten mich die neuen iPhone Geräte nicht. Dem Publikum vor Ort schien es ähnlich zu gehen, denn die ansonsten frenetische Begeisterung blieb aus. Moderate technische Weiterentwicklung. Nun gut, so was erwartet man nach einem Jahr. Neue Größen, ja nett. Es ist aber wenig innovative sondern nur ein nachbauen von dem, was andere Hersteller schon längst auf den Markt gebracht haben. Ob Steve Jobs gefallen dran gefunden hätte, kann bezweifelt werden. Wirklich prickelnd finde ich die neuen Größen nicht.

Mein bisheriges iPhone 5 hat 4″. Das neue iPhone 6 misst 4,7″ und das 6 plus bereits 5,5″ — handlich ist etwas anderes. Im Internet kursieren diverse Vorlagen als PDF, mit dem man sich die Modelle in Originalgröße ausdrucken kann. So lässt sich ein guter Eindruck davon gewinnen, wie handlich oder eben unhandlich die jeweilige Version des iPhone ist. Meins ist das iPhone 6 plus auf jeden Fall nicht. In der Umhängetasche spielt die Größe keine Rolle, aber in einer normalen Hosentasche (vorne) möchte ich das Ding nicht mit mir herumschleppen. jeder entscheidet allerdings hier anders. Für meine Zwecke (zum Beispiel Navigation beim wandern) reicht das iPhone 6 auf jeden Fall aus. Die kleineren technischen Abstriche fallen weniger ins Gewicht (unverschämt eigentlich, dass es sie überhaupt gibt).

Ein leichtes Gähnen konnte ich mir abgewinnen, als die neuen Funktionen des iPhone 6 vorgestellt wurden. Für wirklich innovativ halte ich iPay. Der Umstand, dass sich darüber anonym mit Karte zahlen lässt, hat wirklich was für sich. Allerdings dürfte es dauern, bis man hier in Deutschland in vielen Läden damit bezahlen kann — wahrscheinlich mehr als eine weitere Gerätegeneration.

Das „one more thing“ (Jubel im Auditorium allein bei der Nennung dieses Satzes) war dann die Apple Watch. An dieser Stelle gab es einen passablen Stream, wobei ich selber dann einfror. Eine Uhr von Appel, die so quadratisch-hässlich aussieht wie eine 80er Jahre LCD-Uhr. Am Handgelenk von Tim Cook sah die Uhr — Verzeihung für den Ausdruck — schon scheiße aus. Der Mehrwert — fraglich. Vieles blieb wage bei der Vorstellung der Apple Watch. Batterielaufzeit ebenso wie die Lesbarkeit des Display im direkten Sonnenlicht oder die Wasserdichtigkeit. Für mich muss eine Uhr rund sein. Am liebsten mag ich analoge Uhren, die eine unnachahmliche Zeigerbewegung haben und deren Ticken auf mich beruhigend wirkt. „The most personal device“ nannte Cook die Appel Watch. Stimmt, eine Uhr ist wirklich etwas sehr persönliches, deswegen gibt es auch viele Hersteller und Modelle. Eine Uhr ist eine Ausdrucksform der eigenen Persönlichkeit. Entsprechend verrät sie auch etwas über ihren Träger. Mit der Apple Watch werde ich mich nicht anfreunden. Selbst geschenkt würde ich sie nicht tragen, es wäre mir peinlich. Ein klassischer Chronometer, mit Lederarmband — jederzeit gerne.

Pervers finde ich im Übrigen die Funktion, jemand anders seinen Herzschlag auf die Appel Watch zu schicken. Mir ist das zu intim, die Art, wie hier Technik meine Körper-„Daten“ ausliest, behagt mir ganz und gar nicht.

Insgesamt, und damit kommen wir dann zur Überschrift wie auch zur Frage, was zu erst da war, die Henne oder das Ei, baut Apple nur das nach, was andere bereits vorgelegt haben. Wobei man nachbauen auch „kopieren so wie etwas verbessern“ nennen könnte. Eine Vorreiterrolle sieht anders aus. Wichtige Felder bleiben unbestellt. Mobile Geräte sind nettes Spielzeug, für die Arbeit zu Hause oder im Büro ist die Relevanz von neuen iMac und Mac Modellen jedoch deutlich höher.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren