Mord am Meer — feine Krimikost

Mord am Meer — feine Krimikost

Krimis im Fernsehen — gestern erwähnte ich das bereits in einem völlig anderen Zusammenhang. Ebenfalls gestern griffen meine Frau und ich zum Vorratsschrank, sprich zu unserem Receiver, um dort eine der gelagerten Konserven zu konsumieren. Die Wahl fiel auf „Mord am Meer“, wohl auch deshalb, weil wir in den letzten Tagen einige Dokumentation rund um die Nordsee gesehen haben (die Gründe spielen hier keine Rolle…). Wann ich den Film aufgenommen habe, weiss ich schon gar nicht mehr. Auf jeden Fall deutlich nach 2004 — das Jahr, in dem der Krimi gedreht wurde.

By: SigmanicCC BY 2.0

„Mord am Meer basiert auf einer Romanvorlage, auf dem Buch „Die letzte Vorstellung“ von Ulrich Woelk. Schaut man sich etwas im Internet um, stößt man auf unterschiedliche Kritiken zum Film. Um das Buch, welches Vorlage für die Verfilmung war, gibt es regelrechte Kontroversen. So schreibt jemand bei Amazon darüber:

Eine staubtrockene Handlungslinie überflutet mit aufgeblähten Metaphern, sodass das Gesamtwerk einem vorkommt wie ein matschiger grauer Brei.

Beurteilen kann ich das derzeit noch nicht, da ich das Buch nicht kenne. Lediglich den Film habe ich mir gestern Abend angesehen. Und um es gleich vorweg zu nehmen: er hat mir sehr gut gefallen. Im Grunde ist es ein Kammerspiel. Die Handlungsorte sind völlig irrelevant. Ob sich der Mord wirklich am Meer ereignet hat oder nicht ist ebenso unwichtig wie Berlin als weiterer Handlungsort. Eine Hand voll Figuren agiert. Im Film sind die Hauptrollen brillant besetzt mit Heino Ferch und Nadja Uhl — ein Kriminalkommissar, der in Trennung von Frau und Sohn lebt, trifft auf eine junge ehrgeizige BKA-Beamtin ohne Einsatzerfahrung.

Es geht um einen Mord, dessen Spuren in Vergangenheit zu reichen scheinen so wie um die Frage, warum beim Toten ausgerechnet die „Rachearie“ der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“ in einer Endlosschleife lief. Im Verlauf der Handlung erfährt man, dass der Tote der Halbbruder des Kommissars war. Dabei war der Tote Hans Wolgast kein unbeschriebenes Blatt, sondern lebte unter neuem Namen in Husum. Wolgast gehörte war Mitglied der RAF, floh in die DDR und wurde nach deren Untergang zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Es war eine Wonne zu sehen, wie die Indizien hin zum Mörder gestreut wurden. Ein Lehrstück für Krimiautoren.

Achtung Spoiler!

Recht früh am Anfang fällt ein Satz, der mich bereits stutzig machte. „Ich muss da nicht reingehen, um mir einen Hingerichteten anzusehen.“ Täterwissen, ganz klassisch. Als Zuschauer verdrängt man es jedoch ganz schnell wieder. Will es nicht glauben, die Figur macht es einem dabei auch sehr leicht. Anton Glauberg als Kommissar ist vielschichtig. Verstrickt in die eigene Vergangenheit, auf der Suche nach dem Mörder seines Bruders rückt er ehemaligen WG-Bewohnerner in Berlin auf den Pelz, umgeht die Beschattung durch das BKA. Er bleibt nach allen Seiten hin misstrauisch. Im Dialog gelingt es ihm, die BKA-Beamitin zu überrumpeln und erfährt so, dass sie schon lange die Beziehung des Toten zu ihm kennt. Von der taffen Ermittlern erfährt man immer mehr, sieht sie dann als Opfer des DDR-Regims und ihrer Vorgesetzten beim BKA.

Die Auflösung am Ende des Films ist so perfekt und überraschend, obwohl man es eigentlich die ganze Zeit hätten wissen können. Nicht mal rote Hering waren notwendig zum verwischen der Spuren. Der Film lebt durch spannende Dialoge, die Entwicklung der Figuren und einen Einblick in bundesdeutsche Geschichte. Otto Mellies spielt in einer Nebenrolle einen ehemaligen Führungsoffizier der Stasi so überzeugend, dass man einen kalten Hauch im Nacken spürt.

Mich hat der Film auf jeden Fall neugierig gemacht auf das Buch. Auch wenn es anders ist. Mich interessiert einfach, wie viel umgesetzt wurde und wie groß die Leistung dabei war, einen spannenden Film aus dem Grundstoff zu machen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren