Die Ökostrom-Falle: zu viel Strom zur falschen Zeit

Die Ökostrom-Falle: zu viel Strom zur falschen Zeit

In den 90er Jahren, lange bevor ein Begriff wie „Energiewende“ durch die Gesellschaft geisterte, kam für mich Strom längst nicht mehr lediglich aus der Steckdose. Dennoch konnte ich mir kaum vorstellen, dass es mal so etwas wie zu viel Strom geben würde. Aus den Erzählungen meiner Eltern kannte ich noch die Auswirkungen, also ein Mangel an Energie. Während der Strom aus Kohle zwar dreckig war, hatten wir im Freundeskreis Angst vor Atomkraft. Aus gutem Grund, wie sich immer wieder zeigte. Strom aus regenerativen Energiequellen gab es nur vereinzelt, meist versuchten sogar gewisse Stromkonzerne damit zu beweisen, dass die bisherigen Arten der Stromerzeugung „alternativlos“ seien.

Die technische Entwicklung jedoch schritt weiter voran. In Deutschland markierte dann die Katastrophe von Fukushima, 25 Jahre nach Tschernobyl, den endgültigen Wendepunkt in der Energiepolitik. Nach einer Phase des Aufatmens stellte sich eine bittere Erkenntnis ein. Die Energiewende würde es nicht umsonst gebe. Schultern würden sie nicht die Stromkonzerne, die über Jahrzehnte Milliarden Gewinne gemacht hatten, sondern die Gesellschaft, respektive der ganz normale Stromkunde — als du, ich, wir alle.

Den Wust an neu geschaffenen Verordnungen, Vorgaben und rechtlichen Rahmenbedingungen verstehen, gar nachvollziehen zu können, ist äußerst schwierig. Konkret führt das im Regelfall eher zu einer ablehnenden Haltung gegenüber „Ökostrom“. Der Mensch denkt zuerst mit seinem Portmonee. Wenn er durch die Energiewende plötzlich mehr zahlen muss für seinen Strom, dann verfällt er in genau die ablehnende Haltung, welche vormals die Stromkonzerne vertraten.

Wenn wie über Pfingsten durch Sonnenschein und Wind viel Strom produziert wird, muss dieser ins Ausland exportiert werden — so jedenfalls stand es vor einigen Tagen im Kölner Stadt-Anzeiger. Ein ganz einfaches Beispiel für die Wirkung von Angebot und Nachfrage. Wird zu viel Strom produziert, sinkt der Preis, wenn nicht die Nachfrage gleichzeitig zunimmt. Es sinkt dabei allerdings nicht der Preis für den Stromkunden, sondern der Börsenkurs dafür. Zu viel Strom zur falschen Zeit führt mitunter sogar dazu, dass jemand, der Öko-Strom produziert, auch noch Geld dafür zahlen muss, wenn er seinen Strom ins Netz speist. Vergleichbar wäre das mit einem Bauern, der für die Abnahme seiner Milch auch noch Geld drauf legen muss, statt welches dafür zu bekommen.

Das Problem beim Strom, so scheint es, sind die fehlenden oder nur sehr spärlich vorhanden Möglichkeiten zur Lagerung. Normalerweise, würde man in einer Marktwirtschaft nämlich mit dem Verkauf einer Ware warten, bis sich der Kurs dafür wieder erholt hat statt durch einen negativen Strompreis auch noch die Folgen einer Überproduktion tragen zu müssen.

Was fehlt, sind intelligente Netze. Möglichkeiten zur Speicherung von Strom. Gabe es in Deutschland flächendeckend viele Elektroautos, stünden damit auch potentielle Speicher für Strom zur Verfügung. Mit Sicherheit gibt es noch viele andere Ansätze, wie sich der „Strom zur falschen Zeit“ speichern ließe, so das gerade aus dem Öko-Strom keine Falle wird. Sonnenschein kann man nicht regulieren, so wie es in herkömmlichen Kraftwerken bei der Produktion von Strom möglich ist. Man kann beim Ökostrom zwar die Gewinnung zurückfahren, aber wenn dann zum Beispiel nachts keine Sonne mehr scheint, lässt sich das nicht wieder umkehren.

Das Grundproblem aus meiner Sicht sind bei der gesamten Stromerzeugung die Dinosaurier — die großen Stromkonzerne. Ihnen fehlt sowohl die Flexibilität als auch der Wille, sich auf eine geänderte Situation mit ganzem Herzen einzulassen. Je dezentraler künftig die Stromproduktion ausgerichtet ist, desto flexibler, so meine Prognose, wird sie auch sein.

3 Replies to “Die Ökostrom-Falle: zu viel Strom zur falschen Zeit”

  1. Am Mittwoch möchte Herr Gabriel ein Gesetz durchboxen, welches Fracking in Deutschland erlaubt. Warum erwähne ich das, obwohl es hier um zu viel erneuerbare Energie geht? Nun, erneuerbare Energie könnte, wenn zu viel davon vorhanden ist, in Gas umgewandelt werden und dann in unserem Gasnetz gespeichert werden. Sicher könnten hier auch schnell zusätzliche Speichermöglichkeiten erschlossen werden, wenn denn der Wille vorhanden wäre, diese Technologie auch einzusetzen. Sicher ist diese Technologie relativ neu und sicher ist der Wirkungsgrad noch Verbesserungsfähig, aber anstatt Strom zu verschenken, könnte in diese Technologien investiert werden – denn nur so können sie auch besser werden.

    Es ergeben sich daraus auch Vorteile. Zum einen könnten wir auf das Fracking verzichten, denn das Gas kann nicht nur in Strom zurück verwandelt werden, sondern ebenso in den Gasnetzen eingesetzt werden. Zum anderen wäre dieses Gas CO2 Neutral, da das CO2 vorher aus der Luft entnommen werden würde, welches bei der Verbrennung des Gases entsteht.

    Übrigens wäre das auch eine Möglichkeit, um Energie über weite Strecken zu transportieren, also auch hier wäre ein Vorteil zu sehen.

    1. Was das Fracking angeht: 100% deiner Meinung. Das lief bei mir wohl auch unter dem Radar durch, was Gabriel da plant. So was geht gar nicht! Dazu werde ich dann heute wohl auch noch ein paar Zeilen schreiben.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren