Dem Schnitzel seine neue Sauce

Früher ging man beim Jugoslawen essen, bestellt in der Pommes-Bude Schnitzel mit Zigeunersauce und in der Großen Pause verließ man heimlich das Schulgelände, um sich ein Matschbrötchen zu besorgen, welches selbstverständlich mit einem Mohrenkopf zubereitet wurde.

Jugoslawien gibt es nicht mehr, aus Mohrenköpfen und Negerküssen wurde ein Schokuss (alternative auch Schaumkuss) und selbst die Zigeunersauce ist vom Aussterben bedroht. Ethnische Säuberungen, Pardon, sprachliche Säuberungen fordern ihren Tribut. Das in Hannover ansässige „Forum für Sinti und Roma“ ließ über eine Anwaltskanzlei mehrere Hersteller einer bekannt und beliebten Champignon-Tomatensauce, die seit einer gefühlten Ewigkeit unter dem Namen „Ziegeunersauce“ im Umlauf ist, anschreiben. Gewünscht wird von den Interessenvertretern, die Sauce künftig anders zu nennen. Der Begriff „Zigeuner“ sei diskriminierend, gleiches gelte entsprechend auch für die Bezeichnung der Sauce. Als Alternativ wurde „Pikante Sauce“ vorgeschlagen.

Es entspricht überings einem weit verbreiteten Irrglauben, dass Begriffe zwangsläufig auch das Denken der Menschen beeinflusst. Die Mohrenköpfe aus meiner Kindheit und Jugend mögen vielleicht meiner Figur geschadet haben, blieben aber ansonsten ohne Einfluss. Dunkelhäutigen Menschen bringe ich den genauso Respekt und Achtung entgegen wie allen anderen auch.

Selbstverständlich ändert sich der Geschmack eines Gerichtes nicht, wenn man die Bezeichnung ändert. Trotzdem ist es nicht mehr das Selbe. Zumindest nicht für diejenigen unter uns, die noch die alten Bezeichnungen kennen. Man wird jedes Mal mit der Nase drauf gestoßen, dass es früher auch anders hieß. Mitunter erreichen die Befürworter einer Umbenennung dadurch sogar das Gegenteil. Eine „Pikante Sauce“ zudem ist ein weites Feld. Darunter stellt sich jeder etwas anderes vor, während „Ziegeunersauce“ ziemlich genau das bezeichnet, was man seit Jahren in einer bestimmten Zusammensetzung so kennt.

Man kann sicher auch Verständnis für den Wunsch der Sinti und Roma aufbringen. Aber auf der anderen Seiten: Wenn sie selber nicht als Zigeuner bezeichnet werden wollen, dann wäre der Begriff doch frei, oder? Diskriminierend wäre eine Ziegeunersauce auch nur dann, wenn es sich um ein übelst schmeckendes Produkt handeln würde. Das Gegenteil ist hier der Fall.

Und wenn man schon anfängt eine Umbenennung in Erwägung zu ziehen, müssten man eigentlich noch über ganz anderen Lebensmittel nachdenken. Frankfurter, Thüringer, Amerikaner, Berliner (die anderswo Krapfen heissen, was den Fall etwas komplizierter macht). Bisher haben sich auch noch keine Jäger darüber beschwert, dass ein Schnitzel nach ihnen benannt wurde. Bei anderen Gerichten dagegen fragt sich der gesunde Menschenverstand allerdings schon, warum der Namen geblieben ist. Nach wie vor gibt es „Serbische Bohnensuppe“ trotz der durch Serben angerichtet Greutalten während des Balkankrieges. Appro Balkon. Wie „Die Welt“ schreibt, wurde das Ziegeunerschnitzel bereits vor längerem in „Balkanschnitzel“ umbenannt – was sich, so eine kurze Recherche, längst nicht überall in Deutschland herumgesprochen hat. Dagegen bleibt das „Wiener Schnitzel“ nach wie vor ein „Wiener Schnitzel“.

Keine gesicherten Erkenntnisse gibt es derzeit darüber, ob sich Tataren darüber beschwert haben, dass hochwertiges Hackfleisch vom Rind nach ihnen benannt wurde: Tatar
Als Form des vorauseilenden Gehorsams müsste das selbstverständlich auch umbenannt werden. Ehrlich gesagt sollten ein bekanntes Fettgebäck, unter der Bezeichnung „Schweineöhrchen“ in Bäckereien erhältlich auch einen anderen Namen bekommen. Es ist ziemlich diskriminierend, wenn man an der Theke steht und die Verkäuferin fragen muss, ob sie Schweineöhrchen habe. Glück haben wir nur bei den Pharisäern, die sich wohl nicht mehr über das gleichnamige Getränke beschweren dürften.

Je weiter man die Säuberung unserer Sprache betreibt, desto ärmer wird sie. Ethnische und religiöse Gruppen sind nur der Anfang. Mit dem armen „Schweinchen Dick“ werden schließlich auch Menschen mit einer, tja, wie drückt man das jetzt aus, ohne ins Fettnäpfchen zu treten? Verdammt.

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