Botschaft mit Tomaten

Andere Länder, andere Sitten. Diese Sentenz hört sich nicht nur abgegriffen an, sie ist es auch. Dennoch weiss jeder, der auch nur einmal den Fuß vor die eigene Haustür gesetzt hat um die Wahrheit hinter der Aussage. Wer zu denjenigen gehört, die ihren Unmut über herrschende Verhältnisse, Studiengebühren, ausbeuterische Firmen oder volle Katzenklos schon mal in Form einer Demonstration Luft verschafft hat, kennt den Mangel an staatlicher Unterstützung bei so einer Veranstaltung. Hierzulande gibt es in der Regel nur dann Polizeischutz, wenn man irgendwas mit Rechts macht. Otto-Normal-Demonstrant kennt die Ordnungskräfte nur aus anderer Perspektive, die mitunter auch der eigenen Gesundheit (siehe Stuttgart 21) abträglich sein kann.

Gelegentlich hört man in Deutschland auch von der Polizei, dass die Beamten selber demonstrieren gehen, wenn ihre Interessenvertretungen dazu aufrufen. Meist geht es dann aber nicht um die Abschaltung eines AKWs oder ähnliches, sondern um mehr Geld und/oder bessere Arbeitsbedingungen. Polizisten, die für den ordnungsgemäßen Ablauf einer Demonstration sorgen, genau darauf achten, dass jeder mal an der Reihe ist mit dem Hochhalten seines Protestschildes und Einweiser spielen für den Bewurf mit Tomaten, liegen außerhalb unseres Wahrnehmungsbereiches. Genau das ist in den letzten Tagen passiert. Nicht bei uns, sondern weit weit weg in China. Wie einleitend geschrieben, andere Länder, andere Sitten.

Nun darf man nicht alle Demonstrationen in China über einen Kamm scheren. Kundgebungen für mehr (oder überhaupt erstmal) Meinungsfreiheit sind genauso verboten wie alles, was sich gegen den kommunistischen Staatsapparat richtet. Wer dem Verbot zuwider handelt, gefährdet nicht nur seine Gesundheit, sondern auch sein Leben. Im Übrigen, und da darf man unserem Altbundeskanzler Helmut Schmitt gerne widersprechen, haben Menschenrechte einen universellen Wert. Hätten sie diesen nicht, könnte man auf sie vollständig verzichten und gleich Moral Lebewohl sagen. Das Massaker rund um den Platz des himmlischen Friedens war, ist und bleibt ein nicht zu rechtfertigender Verbrechne.

Wir kommen aber etwas vom eigentlichen Thema ab. Zurück zu den aktuellen, staatlich geförderten Demonstrationen in China. Wie der Kölner Stadt-Anzeiger in seiner heutigen Ausgabe berichtete, geht es konkret um eine kleine, neuerdings nicht mehr so wertlose Inselgruppe zwischen Japan und China. Auf die erheben beide Länder Anspruch. Ohne jetzt den historischen Kontext im Detail wieder zu geben: in den letzten Jahrzehnten befand sich der Felshaufen im Besitz japanischer Privatleute. Kurz vor der nächsten Wahl in Japan wurde von der dortigen Regierung jetzt die Verstaatlichung anvisiert, was China und den dort lebenden Chinesen nicht gefällt. Sie sind, vielleicht auch nicht ganz zu Unrecht, der Meinung, dass von Japan im Krieg annektierte Eiland sei ihres. Ein Schelm, wer meint, dies würde nur auf Grund der vermuteten Gas- und Ölvorkommen passieren.

Im KSTA stand über die Demonstration vor der japanischen Botschaft:

In geordneten Reihen lassen die Polizisten die Demonstranten vor das Gebäude treten, um ihre Parolen zu rufen, rote Flaggen zu schwenken und Flaschen oder Eier zu werfen.

Nach ein paar Minuten sind dann die Nächsten an der Reihe, über die Einhaltung von Ordnung und Gesetz wird gewacht. Angesichts ganz anderer, weltweiter Proteste wegen eines dümmlichen Videos wünscht man sich den Export von chinesischen Polizisten in den Rest der Welt – zumindest solange man noch ahnungslos ist, was die Polizei sonst so anstellt. Dennoch wären amerikanische und deutsche Botschaften froh, wenn nur Tomaten auf ihre Gebäude flögen.

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