Ein anderer Gedanke

Verschüttete Milch trocknetet langsam auf dem Tisch der Küche. Der Käse auf dem Teller bildete einen feuchten Film, Blasen zeigten sich an der Oberfläche. Im gesamten Raum breitete sich der Geruch von langsam vergammelnden Speisen aus. Noch immer saß er auf seinem Stuhl, blickte auf die Reste vom Frühstück. Zwei Kaffeetassen, zwei Teller, beide benutzt. Helene hatte es ihm beim Frühstück gesagt, hatte ihn bei der Lektüre seiner Zeitung unterbrochen. Auch wenn sie es so behauptet hatte, war ihm ihr Verschwinden doch nicht egal. Seine Hand ruhte auf der Betriebsanleitung für die Spülmaschine, während er noch immer mit der Frage beschäftigt war, ob er alleine zurecht kommen würde. Sicher, die Maschine einzuräumen fiel ihm nicht schwer. Mehrfach zu besonderen Anlässen hatte er es in der Vergangenheit gemacht. Genauso wie er ab und zu, wenn seine Lieblingstasse noch nicht wieder im Schrank stand, Sachen aus der Maschine ausräumte. Vielleicht, so sagte er sich, würde es reichen, die Spüle einfach anzuschalten.

Noch mal blätterte er im Handbuch. Da stand etwas von einem Reinigungsmittel, welches die Maschine benötigte. Der Stuhl kratzte über die Fliesen, als er ihn zurückschob und aufstand. Im Unterschrank am Spülbecken musste es dieses Reinigungsmittel geben. Zumindest ging er davon aus, da Helene sich dort immer gebückt hatte, um etwas herauszuholen, bevor sie die Spülmaschine in Gang setzte. Tatsächlich stand da ein Karton, auf dem sogar saubere Gläser abgebildet waren. Strahlender Glanz mit Finish. In der Packung war nichts mehr drin. Wie so vieles andere würde er wohl auch das nachkaufen müssen. Auf einem Notizzettel notierte er sich die Marke, denn er wollte auf gar keinen Fall einen Fehler machen. Nein, alles musste so sein wie immer. Deswegen konnte er Helena auch nicht gehen lassen.

Seine Hose war mittlerweile schon leicht angetrocknet. Hier würde auch eine gründliche Wäsche nötig sein, aber von der Anleitung für die Waschmaschine fehlte bisher jede Spur. Es sei denn, sie befand sich im Badezimmer. Wiederwillig betrat er es. Der Blick auf Helene, so wie sie in der Badewanne lag, ließ sich nicht vermeiden. Mit starrem Blick sah sie ihn an, ohne das ein Vorwurf über ihre Lippen kam. Grund zur Klage gab es für sie zu Genügen. Noch ungeschminkt befand sie sich in einer misslichen Lage. Ihr Kleid zeigte Risse, der linke Arm hing ausgerenkt über dem Rand der Badewanne. So schnell er es vermochte, wandte er den Blick wieder von ihr ab. Auf der Waschmaschine befand sich neben der Packung mit dem Pulver ein Faltblatt. Es war nicht die Anleitung der Maschine, sondern eine Informationsbroschüre des örtlichen Frauenhauses.

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