Viele sind nicht alle

Viele sind nicht alle

Böse Zungen behaupten, die katholische Kirche unter Benedikt XVI. sei dabei, den Frieden mit der umstrittenen Pius-Bruderschaft durch großzügige Zugeständnisse zu erkaufen. Dazu gehöre auch die Änderung des Einsetzungstextes bei der Eucharistiefeier.

Genau genommen geht es um ein Wort. Seit 1970, als Ergebnis des zweiten Vatikanischen Konzils, welches von der Pius-Bruderschaft abgelehnt wird, gilt folgende Formulierung:

Das ist mein Blut, das für Euch und für alle vergossen wird.

So wird das Abendmahl unter anderem in den katholischen Kirchen in Deutschland, den USA und in den spanischsprachigen Ländern gefeiert. Seit vergangene Woche ist jetzt klar, wohin die Reise endgültig gehen wird. Spätestens Ende 2013 ist folgende Formulierung verbindlich:

Das ist mein Blut, das für Euch und für viele vergossen wird.

Ein Wort, das den Unterschied macht. Trennt zwischen einem Versprechen für die gesamte Menschheit und lediglich den Gläubigen. Die Diskussion ist allerdings nicht neu. Bereits 2006 wurde darüber berichtet, dass der Vatikan bei den Wandlungsworten einen Rückschritt machen will.
Als Protestant fällt es einem schwer, darüber objektiv zu urteilen. So weit mir bekannt ist, gilt in den meisten Gemeinden die agendarische Form der Einsetzungsworte. Darin heisst es dann an der entscheidenden Stelle:

Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Neuen Bundes, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

Hier also auch nur viele und nicht alle. Zurückgehen dürfte dass in den Bibelübersetzungen auf die entsprechenden Stellen bei Matthäus (26,28) und Markus (14,24). Der Evangelist Lukas spricht lediglich von „für euch“, während bei Johannes die Einsetzung des Abendmahls nicht erwähnt wird. Im 1. Korinther-Brief von Paulus taucht das Problem auch nicht auf:

Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!

Berücksichtigen muss man meiner Meinung nach bei den entsprechenden Passagen, dass Jesus wohl Aramäisch gesprochen hat. Die Evangelien wurden in griechischer Sprache aufgezeichnet. Die Bibel selber gab es lange Zeit nur in lateinischer Form – wer die erste deutsche Bibel verfasst hat, sollte bekannt sein. Übersetzungsfehler sind daher nicht letztendlich auszuschließen.

Ich bin weder Theologe noch Sprachwissenschaftler, kann daher dem Kern des Problems auf diese Weise nicht auf den Grund gehen. Ein Bestandteil meines Studiums war jedoch auch Mathematik und die Didaktik der Mathematik. Für mich wird es an dieser Stelle interessant, denn mir fiel im Zusammenhang mit der Diskussion um „viele“ oder „alle“ wieder eine Vorlesung zum Thema Zahlbegriffe und Zahlvorstellung ein. Die Entwicklung der Zahlvorstellung und der „Null“ ist ein spannendes Kapitel in der Geschichte der Mathematik. Ein Detail aus der Vorlesung ist für die aktuelle Diskussion interessant.

Es ging darum, dass einige Urvölker nur die Zahlen eins, zwei und drei kennen. Alles darüber hinaus ist „viele“. Ein Wort für alle gibt es entsprechend nicht, da „viele“ in diesem Fall gleichbedeutend mit „alle“ ist. Möglicherweise liegt genau hier auch die Lösung für die Einsetzungsworte.

2 Replies to “Viele sind nicht alle”

  1. Viele interessante Gedanken, nur beim letzten Absatz kam ich ins Stutzen (und mir kam folgender Gedanke):
    Nur weil der Neanderthaler Worte wie ‚Erbsubstanz‘, ‚Teilchenbeschleuniger‘ oder ‚Molekulargenetik‘ nicht kannte müssen wir sie nicht mit einem ‚ugh‘ (oder ähnlich) umschreiben.
    In den Sprachen, die die Christen nutzen, *gibt* es Unterscheidungen zwischen ‚alle‘ und ‚viele‘ – ich denke nicht, dass man sie wieder verwischen sollte (auch nicht um des lieben Friedens willen!).

    LG
    jbj

    1. Ich denke, du hast mich an der Stelle nicht richtig verstanden. Es geht nicht darum, ob es bestimmte Wörter nicht gab, sondern welche Bedeutung sie gehabt haben und heute haben.

      Btw.: Zu „die“ Christen zähle ich mich auch – daher nehme ich mir auch das Recht der Interpretation heraus. Zum meinem Glaubensverständnis gehört das „all“. Also auch du ;-)

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren