NRW Bildung 2012, Teil II

NRW Bildung 2012, Teil II

Mit dem Wahlprogramm der Linkspartei (korrekt: Die Linke.) hatte ich heute so meine Schwierigkeiten. Und das, obwohl ich mich nur mit dem Teil beschäftigt habe, in dem es um das Thema Bildung geht.

Zwar ist es der Part Bildungspolitik im Vergleich zu dem, was die anderen Parteien (bisher noch immer unberücksichtigt bleiben die Piraten, siehe Beitrag von gestern) geschrieben haben, erheblich umfangreicher, was aber nichts über die Qualität des Geschriebenen aussagt. Bei näherem Hinsehen lässt sich feststellen, dass die Menge der Wörter vor allem durch drei Faktoren bedingt ist: Füllsätze, Wiederholungen und überzogen Polemik bzw. Klassenkampf-Rethorik. Zum Teil enthält das Wahlprogramm auch Aussagen, die unhaltbar sind, weil sie nicht der Wahrheit entsprechen. So behauptet die Linkspartei zum Beispiel, die Studiengebühren währen auf ihrem Druck hin abgeschafft worden. Tatsächlich war es ein erklärtes Ziel von rot-grün, mit dem sie zur Landtagswahl 2010 angetreten sind.

Alle Aussagen aufzulisten, würde den späteren Vergleich mit den Kernpunkten der anderen Parteien erheblich erschweren. Daher beschränke ich mich im folgenden auf die auffälligsten Aussagen der Linken – man möge mir das nachsehen.

Bildungspositionen Die Linken.

  • Ablehnung der Sekundarschule
  • Abschaffung der Noten
  • komplett gebührenfreie Bildung
  • Rücknahme des achtjährigen Gymnasiums (G8)
  • Ablehnung von Schulen in privater Trägerschaft
  • Erhöhung der Bildungsausgaben
  • maximale Klassengröße von 15 Schülern
  • eine Schulform für alle von der 1. bis zur 10. Klasse
  • Abschaffung der Wahlfreiheit von Eltern bei der Auswahl der Grundschule
  • Grundschulen als Ganztagsschulen
  • vollständige Inklusion, gemeinsames lernen
  • Oberstufenzentren fassen mehrere Gymnasien und Gesamtschulen zusammen
  • kostenlose Schulbücher, kostenloses Mittagessen
  • Abschaffung des Sitzenbleibens
  • Schaffung von Sprachförderungsangeboten
  • Veränderung der Lehramtsstudiengänge
  • Abschaffung des Bedarfsdeckenden Unterrichts
  • Verschärfung der Regeln für Seiteneinsteiger

Für viele Kritiker wird sich wohl die Frage nach der Finanzierbarkeit der Pläne stellen. Diese soll an dieser Stelle aber nicht diskutiert werden, da genau genommen Bildungsausgaben Investitionen in die Zukunft sind. Abgesehen davon gibt es genügend andere Aspekte, die hinterfragt werden sollten. Das G8 kein großer Wurf ist, dürfte wohl nicht nur eine Erkenntnis sein, die ausschließlich bei den Linken auftritt. Berücksichtigen sollte man jedoch, und da hilft es oftmals einfach, Lehrer zu fragen, welches Chaos bisher angerichtet wurde. Derzeit gibt es einen langsamen Heilungsprozess. In nicht wenigen Schulen sind sich die Lehrkräfte einig, dass eine erneute Umstellung wenig hilfreich sein würde.

Genau ansehen sollte man sich die Forderung, private Schulen abzuschaffen. Der üblichere Begriff für Private Schulen wäre „Schulen in freier Trägerschaf“. Landespolitisch kann so was nicht beschlossen werden, da es ein klarer Verstoß gegen das Grundgesetz wäre. Dort heisst es in Artikel 7, Absatz 4:

Das Recht zur Errichtung von privaten Schulen wird gewährleistet. Private Schulen als Ersatz für öffentliche Schulen bedürfen der Genehmigung des Staates und unterstehen den Landesgesetzen. […]

Für dieses Recht gibt es historisch mehr als gute Gründe. Wenn man diesen juristischen Aspekt außer Acht lässt, würde eine Umsetzung für einen erheblichen Kahlschlag in der Bildungslandschaft führen. Unter anderem müssten sämtliche Waldorfschulen geschlossen werden. Oder anders gesagt: Die Linkspartei befürwortet die Schließung von Montessori- und Waldorfschulen, da diese eben auch private Schulen sind.

Ob die Abschaffung der Wahlfreiheit in Bezug auf die Grundschule zu dem von der Linkspartei gewünschten Effekt führen würde, kann auch bezweifelt werden. Eine Grundschule in einem sozialen Brennpunkt bliebe eine solche, da sich die Zusammensetzung der Klassen aus dem Einzugsbereich ergibt.

Die Grundidee von „einer Schule für alle“ ist im Kern nicht verkehrt. Es gibt bereits jetzt funktionierende Modellschulen wie die Laborschule in Bielefeld, die den positiven Effekt belegen. Allerdings lässt sich so was nicht ad hoc umsetzen, sondern bedarf eines langfristig angelegten „Masterplans Bildung“, der auch vorsehen müsste, alle Beteiligten mit zu nehmen. Die letzten Jahrzehnte Bildungspolitik in Nordrhein-Westfalen zeigen, dass eine Politik gegen die unterschiedlichen Interessengruppen nahezu unmöglich ist.

Der pädagogische Wert der Notengebung ist umstritten. So stellt Prof. Dr. Eiko Jürgens von der Universität Bielfeld der bisherigen Notengebung einen pädagogischen Leistungsbegriff gegenüber. Er bescheinigte bereits vor einigen Jahren der Praxis der Notengebung ihre Mangelhaftigkeit.

Für erheblichen Gesprächsbedarf sollte die indirekte Abschaffung des Quereinstiges in den Lehrberuf sorgen, für den die Linkspartei steht. Die Verschärfung der Regeln für Seiteneinsteiger würde dazu führen, dass stärker als bisher Quereinsteiger abgeschreckt werden. Die derzeitigen Hürden sind bereits zu hoch. Der Weg zu einer Gleichstellung mit Kolleginnen und Kollegen in der Schule, die ein reguläres 1. und 2. Staatsexamen haben, ist für Quereinsteiger alles andere als leicht. Niemanden ohne 2. Staatsexamen unterrichten zu lassen, kann nicht als blauäugig, sondern nur als blind bezeichnet werden.

Nach dem langen Exkurs in die Bildungspolitik der Linkspartei geht es morgen weiter mit der CDU und den Grünen.

7 Replies to “NRW Bildung 2012, Teil II”

    1. Bist du dir da sicher? Montessori-Schule sind, so weit ich weis, keine staatlichen Schulen, wenn dann lediglich nur Montessori-Zweige (sagt der Montessori Dachverband Deutschland).

  1. nicht bloß Montessorizweige, soweit ich weiß.. es gibt auch Montessori-Kindergärten in kirchlicher Trägerschaft. Passt auch nicht wirklich zusammen :D :D

    1. „kirchlicher Trägerschaft“ ist auch in privater Trägerschaft. Staatlich sind tatsächlich nur die Schulen, die vollständig unter staatlicher Kontrolle sind. Bei kirchlichen Trägern darf der Staat zwar bezahlen und hat letztendlich die Oberaufsicht, die Einrichtungen selber treffen aber weitestgehend ihre eigenen Entscheidungen. Das führt dann dazu, dass es an katholischen Grundschulen unbedingt auch eine katholische Rektorin oder Rektor geben muss.

    2. Thomas, ich habe bloß geschrieben „nicht bloß Montessorizweige“ – weder etwas über privat noch über staatlich, sondern setzte den Montessorizweigen die kirchliche Trägerschaft gegenüber.

  2. Ja ich bin mir sicher.
    Beispiel wäre hier das Montessori-Gymnasium hier in Köln und die Montessori-Grundschule meines Wissens ebenfalls.

    1. Laut http://www.bildung.koeln.de/

      scheint es sich dabei tatsächlich um eine städtische Schule zu handeln. Aber die Regel ist das definitiv nicht.

      Ich finde es schade, dass wir hier überhaupt über solche Details diskutieren – es gibt eine Menge Aussagen, die wesentlich spannender sind…

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren