Abwärts

Es ging mehr als nur um die Kinder. Schon seit Monaten lebten sie bei Oma und Opa. Sabrina und unsere Große, Mareike. Zwei hübsche Kinder. Welcher Vater hätte das nicht gesagt über seine Töchter. Karina war gerade siebzehn Jahre alt, als Mareike geboren wurde.

Ganz sicher war ich der Vater. Bei Sabrina hatte ich keine Zweifel, wirklich nicht. Wieso auch, wir waren verheiratet. Und auch glücklich, zumindest meistens. Sechzehn Jahre zusammen, nicht viele Paare schaffen das. Ja, auch bei uns hat es Tiefpunkte gegeben, da bin ich ganz ehrlich. Ein Grund, dich von mir zu trennen, habe ich dir aber nie gegeben. Du sagtest, es gäbe keinen anderen. Nicht das ich es dann verstanden hätte. Ich hätte es auch nicht geglaubt. Schau, ich hab dir eine Rose mitgebracht. Eine Rose, Zeichen meiner Liebe, denn ich liebe dich noch immer. Zwischen deine gefalteten Hände stecke ich sie dir, schau, wie friedlich du jetzt aussiehst, trotz deines gebrochenen Blicks. Gewollt habe ich es nicht. Die Rose. Versöhnen wollte ich mich mit dir, doch du bliebst einfach stur, warst nicht davon abzubringen. Aber ich könnte doch nicht ohne dich leben. Ein letztes Mal schaue ich dich an, wie du da so liegst auf unserem gemeinsamen Bett. Dann gehe ich raus, für immer. Im Flur greife ich zum Telefon, ruft die Polizei an. Nenne meinen Namen, unsere Adresse.

„Sie werden auf dem Bett die Leiche meiner Frau finden.“

Ohne abzuwarten, legte ich den Hörer aufs Telefon. Leise zog ich die Wohnungstür hinter mir zu, um dich nicht zu stören. Nenn es albern, mir ist es egal. Im Treppenhaus gehe ich ganz nach oben, breche die Plombe an der Nottür auf. Der Wind weht mir auf dem Dach entgegen. Kurz zögere ich. Die Kinder sind bei Oma und Opa gut aufgehoben. Die Große wird es verstehen, bestimmt. Ich laufe über das Dach, an den Rand. Schaue runter. Es sind bestimmt 50 Meter oder mehr bis nach unten. Es sieht dort alles klein aus. Wie Spielzeug. Jetzt läuft alles wie in Zeitlupe. Mein Füße bewegen sich über den Rand hinaus, nur kurz, dann merken sie, dass es dort keinen Halt mehr gibt.

Ich rausch in die Tiefe. Ziehen an den Fenster vorbei, blicke in andere Wohnungen, andere Leben. Immer weiter nach unten. Im fünften Stock sehe ich Verena vorm Spiegel sitzen, sie schminkt sich gerade. Ob ich ihr winken soll? Schon verschwindet sie und ich – nichts mehr.

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