Besser nur Sylt

Es verfestigt sich bei mir langsam der Eindruck, dass Krimis mit expliziten regionalen Hintergrund grundsätzlich zum Scheitern verurteilt sind. Mit Gestrandet von Gisa Pauly jedenfalls habe ich wieder einen in die Finger bekommen, bei dem „haarsträubend“ noch eine wohlwollend Beschreibung ist.

Unwahrscheinlich ist es nicht, dass mir auf Grund meiner anhalten Kritikasterei furchtbaren Dinge passieren, die allerdings auch passieren würden, wenn ich mich nur positiv äußern würde. Möglicherweise gibt es sogar gute Lokalkrimi, die ich bisher übersehen habe. Vor längerer Zeit habe ich mich dagegen entschieden, Lehrer zu werden. Dagegen sprachen einige Gründe. Ob ich ein guter Lehrer geworden wäre, vermag ich dabei nicht zu sagen. Auf jeden Fall hoffe ich nach wie vor, ein guter Autor zu werden. Wie das bei Gisa Pauly ist beziehungsweise war, weiss ich nicht. An ihrem Unterricht habe ich nicht teilgenommen. Ausgehen von ihrem Krimi möchte ich mich dennoch zu Behauptung hinreissen lassen, dass sie im Vergleich zum Krimi schreiben auf jeden Fall besseren Unterricht gemacht haben muss. Ihr Sylt-Krimi Gestrandet ist etwas, was gut dazu geneigt ist, einem jegliche Lust auf die Lokalkrimis zu vermiesen. Ein solcher entsteht nicht durch die ständige Wiederholung des Handlungsortes oder ein paar friesische Namen.

Bereits in der Kurzbeschreibung des Buches kommt die Polizei, wie immer, wenn eine Hauptfigur auf eigene Faust ermittelt, nicht gut weg:

Kommissar Erik Wolf steht vor einem Rätsel: Warum wurde Magdalena Schilling so gewaltsam umgebracht? Zumal der Hauptverdächtige Mathis Schilling, der Neffe der Toten, ein perfektes Alibi hat. Zu allem Überfluss findet sich am nächsten Tag im versiegelten Haus des Opfers eine weitere Leiche.

Armer Herr Wolf! Zu allem Übel ist es auch noch seine eigene italienische Schwiegermutter, die sich der Sache annimmt. Vergeblich um einen lockeren Tonfall bemüht greif Pauly auf Stereotypen zurück. Die „Mama“ Carlotta entwickelt sich dabei zunehmend zu einer nervtötenden Figur. Als extrem anbiedernd empfand ich dabei die Tochter von Erik Wolf, die nicht mehr Lehrerin, sondern Schriftstellerin werden möchte. Pauly schlachtet das ausgiebig aus. So fährt Carolin selbstverständlich zu einem Kurs in kreativem Schreiben (Seite 39) und es wird munter auf anderthalb Seiten über Hauptwörter und Verben sowie den richtigen Aufbau einer Kurzgeschichte schwadroniert (Seite 43f). Wenn das ein Versuch sein soll, durch systematische Verbreitung von Langeweile den Leser davon abzuhalten weiter zu blättern, dürfte er wohl in den allermeisten Fällen als gelungen betrachtet werden.
Der Sohn von Wolf spielt Fußball, natürlich, er ist ja auch ein Junge. Das sich der Kommissar bei jeder Gelegenheit über den Schnauzer fährt – was soll man dazu noch sagen?

Ruhe und Bewegung, das sind Atemzüge vom Sprachrhythmus. Ja genau! Die Sprache muss atmen, und der der Autor muss genauso atmen wie sie.
Seite 59

So gesehen ist dieser Krimi förmlich erstickt.

Geistreiche Dialoge sind das Salz in der Suppe:

Signora! Sie auch hier? Das ist aber eine Überraschung!
Seite 64

An Stellen, wo Pauly Übergänge schaffen musste, trifft sich die Familie ihres Schwiegersohnes (abzüglicher der im ersten „Fall“ von Mama Carlotta verstorbenen Tochter) am Tisch zum opulentem italienischen Essen, welches in aller Ausführlichkeit beschrieben wird. So vollgestopft ging mir auf Seite 93 die Puste aus. Was bleibt ist die Frage

Lag es an den Haupt- und Nebenhandlungen? Am Sprachrhythmus? An der substantivistischen oder verbalen Erzählweise […]?
Seite 93

Die Diagnose lautet in diesem Fall wohl eher „akute Wortvergiftung“. Buchdeckel zu. Herr Scheck, bitte übernehmen sie!

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