Von Favoriten und alten Gäulen

Eins vielleicht vorweg: Wer Mitglied einer Partei wird, erhält nicht automatisch einen Maulkorb. Gerade wenn es bei Wahl eines Bundestagskandidaten auch um eine deutliche Richtungsentscheidung geht, sollte es daher erlaubt sein, öffentlich Stellung zu nehmen. Das hat nichts mit mangelnder Solidarität zu tun, sondern dient letztendlich der Öffentlichkeit, dem eigentlichen Wähler dazu, die Position zu erklären und so der Frage Warum habt ihr den aufgestellt zuvor zu kommen.

Kommen wir zum Eigentlichen. In Bielefeld bewerben sich für die Aufstellung zur Bundestagswahl als Kandidaten für den Wahlkreis Bielefeld / Werther derzeit zwei Genossen bei der SPD. Nicolas Tsapos, 39, in Bielefeld geboren, aufgewachsen und verwurzelt sowie der 59-jährige Guntram Schneider, der seit 20 Jahren in Dortmund lebt. Beerben wollen beiden das Mandat von Rainer Wend, der in der nächsten Legislaturperiode nicht mehr antritt.

Gestern gaben es die erste Vorstellungsrunde für die Ortsvereine, gewählt wird dann am 5. Dezember. Das ich mir als Delegierter für diese Wahl von den Kandidaten live ein Bild machen wollte, versteht sich von selbst. Allerdings muss ich gestehen, dass ich unvoreingenommen in die Veranstaltung reingegangen bin. Schon im Vorfeld, ohne mich mir den beiden näher beschäftigt zu haben, ging mir eine Frage durch den Kopf: Wenn jemand seit 20 Jahren in Dortmund wohnt, warum lässt er sich nicht da für den Bundestag aufstellen? Wäre es nicht dem Sinn des Mandats entsprechend, das der Träger auch in der Region verankert ist, für die er in den Bundestag einziehen will?

Die Redebeiträge von Guntram und Nico brachte die Neue Westfälische überraschend gut auf den Punkt:

Würde aber die SPD nach der Lautstärke des Applaus nominieren, wäre nach der gestrigen Vorstellungsrunde der Favorit ein anderer. Gegen Nicolas Tsapos sah der vom Parteiapparat favorisierte Guntram Schneider alt aus. Der eine erzählt vom Leben [Anm.: gemeint ist Nico], der andere vom Apparat.

Mir stellt sich die Frage, aus welchen Gründen die lokale SPD-Spitze Guntram den Vorzug geben will. Weil gehofft wird, dass er die Stammwähler anspricht? Was anderes kann es kaum sein, denn für frische Ideen, für eine menschliche Bürgergesellschaft, steht Nico wie kein anderer. Seine Ideen, Überzeugungen in den Bereichen Jugend, Bildung und Soziales können insbesondere junge, vermeintlich politisch uninteressierte Menschen ansprechen, ohne dass der SPD Stammwähler verloren gehen würden – beides unerlässlich, um bei der Wahl das Mandat zu erringen.

Während Guntram seine Rede im kleinen Saal so hielt, als wäre sie eine Maikundgebung vor tausenden von Arbeitern und entsprechend heiser brüllte trug Nico ruhig und sachlich vor. Auf Fragen antwortet er stets direkt und konkret, nicht ausschweifend ermüdend wie Guntram.

Für mich steht nach dem Abend gestern die Entscheidung für einen der Kandidaten fest. Es gilt: Wir können uns den Problemen von morgen nicht mit dem Personal von vorgestern stellen. Setzt sich letztendlich Guntram durch, wäre es ein schwerer Verlust für die SPD, eine vertane Chance. Der Apparat müsste sich fragen lassen, was ihm wichtiger ist: Parteiproporz oder Nachwuchsförderung

Nicolas Tsapos im Bundestag wäre ein Gewinn für Bielefeld und eine ideale Ergänzung für einen Oberbürgermeister Pit Clausen.

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