Schlagzeilen zum Frühstück

Schlagzeilen zum Frühstück

An manchen Tagen wird einem klar, warum es bei bei Zeitungen „Schlagzeilen” gibt – nach dem lesen selbiger fühlt man sich, als ob man eine Faust in den Magen bekommen hätte. Dabei war es heute nicht die Meldung, dass sich die SPD-Führung fernab von der Basis für eine schleichende Privatisierung entschieden hat (24,9 Prozent sind mehr als 0 Prozent) oder das es in Italien dieser Silvio Berlus komisch wohl wieder zum Ministerpräsidenten geschafft hat.

Nein, der richtige Schlag war das Essay von Antje Vollmer im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Unter der Überschrift „Droht der nächste kalte Krieg? – In der Tibetkrise schwelt ein globaler Konflikt mit China, den keiner verhindern will” gibt sie teilweise sehr gewagte Äußerungen von sich. Dabei auch Aussagen, die einfach so nicht haltbar sind.

Es dauerte keine zehn Jahre, bis ein neuer heißer Krieg erklärt wurde: der Krieg gegen den Terror. Anlass dieses Krieges – nicht seine Ursache – waren die Ereignisse des 11. September 2001.

Der so genannte Krieg gegen den Terror ist kein Krieg, da ein Krieg nur zwischen Staaten möglich ist. Es wäre besser, von einem Kampf zu sprechen und sich nicht die falsche Wortwahl der Regierung Bush zu eigene zu machen. Wenne s denn ein Krieg wäre, dann allenfalls ein asymmetrischer Krieg. Frau Vollmer sollte den Unterschied als erfahrene Politikerin, die sie eigentlich sein sollte, kennen.

Aber bevor die Lehren aus der voraussichtlichen Niederlage gezogen werden können, beginnen die westlichen Staaten und Gesellschaften bereits mit den Vorbereitungen eines neuen kalten Krieges: Es ist der mentale Krieg gegen das gerade zur Weltmacht aufsteigende China.

Das ist einseitig und polemisch. Dabei wird ignoriert, um was es eigentlich geht: Menschenrechte und Demokratie.

Die politische Lösung löste sich auf im Mediengestöber und in Erregungsschüben, die schwer wieder in politische Vernunft zu verwandeln sind.

Wie bitte? Erregungsschüben? Überheblicher kann man wohl kaum über den weltweiten Protest urteilen.

Das praktische Problem hieß: Wie überzeuge ich die politische Führung eines Landes von 1,3 Milliarden Menschen, einem winzigen Teil ihrer Bevölkerung, nämlich 0,46 Prozent (so genau sind die tibetischen Mengenverhältnisse im Vergleich zur Gesamtbevölkerung!) mehr Freiheiten und kulturelle Autonomie zu gewähren?

Die Erwähnung des Anteils der tibetischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung weckt den Verdacht, das hier versucht wird, die Tibeter als absolutes Minderheitenproblem zu deklassieren. Dabei müsste es nicht um den Anteil der Tibeter in China, sonder in Tibet gehen. Genauso könnte man sagen, dass der Anteil einer spezifischen Bevölkerungsgruppe in Europa eher marginal ist.

Verhöhnt dürften sich die Opfer der chinesischen Diktatur von folgender Aussage fühlen:

Das zweite Modell ist bekannt als: „Ein Land – zwei Systeme“. Dieses Modell war in langen Verhandlungen zwischen der britischen und chinesischen Diplomatie als Bedingung für die Rückkehr Hongkongs zum chinesischen Großreich ausgehandelt worden. Trotz mancher Schwierigkeiten und Rückschritte im Einzelnen, klappt es erstaunlich gut.

In den letzten Monaten und Jahren gab es zahlreiche Berichte in Fernsehen und Zeitungen, die zum gegenteiligen Schluss gekommen sind. Um die angeblichen Demokratie ist es in Hongkong nicht gut bestellt.

China unterschätzte erheblich die Fähigkeiten westlicher Mediengesellschaften, kollektive Hysterien und einen alle erfassenden Erregungszustand zu erzeugen.

Noch mal: der Protest gegen China entspringt nicht einer kollektiven Hysterie. Solches zu behaupten, ist unredlich.

Das ich unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht besonders mag, ist kein Geheimnis. Ich habe aber ihr Treffen mit dem Dalai Lama für eine kluge Entscheidung gehalten – und tue es immer noch. Frau Vollmer sieht das ganz anders.

Spätestens seit Angela Merkels Dalai Lama-Empfang war klar, Europa behandelt die Tibetfrage auch nur unter dem Gesichtspunkt innenpolitischen Applauses und nicht unter dem Aspekt einer politischen Lösung.

Die Verfolgung von Andersdenkenden, die Unterdrückung und die Tötung tibetischer Mönche mit einer Aussage wie dieser

Es ist die Sprache der Propaganda, im heutigen Tibet von einem „kulturellen Genozid“ zu sprechen

ist sachlich falsch. Nicht umgekehrt, wie Frau Vollmer behauptet.

Frau Vollmer muss sich offen fragen lassen, auf welcher Seite sie steht. Auf der Seite der Vernunft jedenfalls nicht.

Zu finden ist der Artikel in voller Länge online auf den Seiten der SZ.

3 Replies to “Schlagzeilen zum Frühstück”

  1. Bitte bitte, Emotion raus. Wie Du vielleicht weißt, beschäftige ich mich schon seit Jahren mit Tibet. In einem Punkt haben die Kritiker der Übergriffe und der Medialen Hetzkampagne gegen China recht.

    WARUM JETZT DER AUFSTAND?

    Hallo? Tibet liegt seit 50 Jahren unter Tibets Stiefel und bisher hat es keinen gekratzt, wenn er sich das iPhone unter den Weihnachtsbaum gelegt hat. Warum also jetzt? Weil die Gelegenheit gut ist? Ich glaube nicht, wenn wir die Chinesen beim Stolz erwischen, wird die Lage in Tibet nur noch schlimmer. Klar, vom Sofa kann man prima die Revolution Proben, man muss ja auch dafür nicht den Hals hinhalten.

    Interessant zu dem Thema auch http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27712/1.html

    Was mich besonders abstößt sind Fotos und Berichte, die angeblich aus Tibet stammen, auf denen aber klar nepalesische Militärpolizei im Einsatz ist.

    Was hier im Rennen um die nächste Schlagzeile veranstaltet wird schlägt mir auf den Magen und hilft der tibetischen Bevölkerung gar nicht. Im Gegenteil, für Kommunikation und Vermittlung ist diese ganze emotionsüberladene Diskussion völlig kontraproduktiv. Wenn selbst Regimekritiker kein Verständnis für die aktuelle Presse und den Aufruhr haben, wie siehts dann erst bei den Kadern aus?

    Wo war der Boykott, als Mattel sich großmütig für das bleiverseuchte Spielzeug entschuldigte?

    Wieso hat Frau Merkel keinen der vielen Wirtschaftsgipfel mit China boykottiert?

    und und und…

    Neenee, für Schwarz/Weiss Mentalität ist die Tibetfrage zu komplex. Und für Stammtischparolen ala Totalboykott erst recht. Wenn die Spiele zum Desaster werden, möchte ich mir nicht vorstellen wer denn wohl der Sündebock sein wird. Und Tibeter oder angehöriger einer anderen chinesischen Mindeheit möchte ich dann auch nicht sein, noch weniger als heute.

  2. Es geht unter anderem um den Umgang der Medien mit der Tibetfrage im Zusammenhang mit den aufgebrachten Protesten der Masse. Das ganze schaukelt sich gerade gefährlich auf höchst polemischem Niveau hoch.

    Der dadurch entstehende Druck wird von vielen Politikern als willkommenes Mittel zur Selbstdarstellung und zum Stimmenfang genutzt.

    Sehr schön, wenn die Regierungschefs nicht zur Feier kommen, aber bringt das die Sache und den Dialog voran? Bringt Gewalt gegen die Fakelläufer die Sache voran? Wem nutzt es, wenn sich Demonstranten statt friedlich zu protestieren, aufführen wie der Pöbel?

    Das ist doch nur Wasser auf die Mühlen der Chinesischen Propaganda, die auf genau diese Bilder nur gewartet hat.

    Der Dalai Lama spricht von Gewaltfreiheit, von Dialog, von Zusammengehörigkeit des Chinesischen Volkes, von Respekt und von Glaubwürdigkeit.

    Das sind alles Dinge, die ich weder den Medien, noch den profilgeilen Politikern, noch Demonstranten, die den Fackellauf zu einer Strassenschlacht eskalieren, attestieren kann.

    Insofern hat Frau Vollmer meines Erachtens Recht.

    Die Sache mit dem kalten Krieg halte ich für übertrieben. Wenn Volkes Seele sich nach dem Medienrummel wieder beruhigt hat, oder eine andere Sau durchs Dorf getrieben werden kann, werden Politiker und das Business wieder zum Schnittchenessen Verträge feiern und so tun, als wäre nichts gewesen. Den es geht doch nur um eines, Macht und Mammon.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren