Blogersdorfer Nabelschau

Es ist schon sehr merkwürdig, dass ein siebzehnjähriger Schüler aus Deutschland in einem türkischen Gefängnis verrotten kann, ohne das in Kleinblogersdorf dazu eine Zeile geschrieben wird. Seit nun mehr zehn Wochen befindet sich Marco Weiss in Untersuchungshaft, weil er angeblich eine 13 Jahre altes Mädchen sexuell missbraucht hat.

Zehn Wochen, die sein Leben nachhaltig verändert haben. Mit 30 Gefangenen teilt er sich eine Zelle, eine Dusche und eine Toilette. Was berichten die A-Blogger darüber? Nichts! Keine Erwähnung, keine Solidaritätsaktion, einfach nur schweigen – der Fall lässt sich halt nicht so schön schwarz-weiß malen wie ein G8-Gipfel. Zeit, zumindest in diesem Blog eine Kerze für Marco anzuzünden.

Die Anklage der Eltern des Mädchens sollte niemand leichtfertig abtun. Auch die Aussage der Türkei, Deutschland solle sich nicht in die türkische Gerichtsbarkeit einmischen, ist nicht pauschal falsch, denn umgekehrt gilt das Gleiche. Erinnern wir uns da einfach nur an den Streit um die Karikatur und ähnliche Vorfälle. Deutschland und andere europäische Länder haben sich explizit eine Einmischung verbeten.

Auf der anderen Seite stehen aber die Menschenrechte. Ein Land wie die Türkei, dass die Aufnahme in die Europäische Union anstrebt, sollte sich daran bedingungslos halten. Verbunden mit den Menschenrechten ist auch die Menschenwürden und dies ist eindeutig mit Füßen getreten worden im Blick auf die Unterbringung von Marco. Wobei das nicht nur für ihn, sondern auch für die 29 Mitgefangene gilt.

Die Verbesserung der Haftbedingungen wäre daher der allerste Schritt. Unabhängig von allen anderen Faktoren sind diese Haftbedingungen bereits ein Stolperstein auf den Weg nach Europa.

Kommen wir zum Vorwurf selber: Marco beteuert seine Unschuld. Er habe mit dem Mädchen nur gekuschelt, mehr nicht. Ein ganz normaler Urlaubsflirt unter Heranwachsenden. Diese Version wird auch von der 13-Jährigen bestätigt, die sich Marco gegenüber ihr Alter um zwei Jahre nach oben hin angepasst hatte. Die Mutter des Mädchens ist jedoch davon überzeugt, dass Marco ihre Tochter vergewaltigt hat.

Das die türkische Rechtsprechung nicht europäischen Ansprüchen genügt, lässt sich ebenso behaupten wie sich auch in Frage stellen lässt, ob die acht Jahre, die Marco bei einer Verurteilung drohen angemessen sind. Bedenken sollte man dabei, dass bei einer Umfrage über die Haftstrafen von in Deutschland verurteilten Sexualtätern, regelmäßig beanstandet wird, dass unsere Justiz hierzulande zu nachsichtig und die Strafen zu laschen seien.

Ein weiterer Aspekt kommt auch noch ins Spiel. Die Türkei kann sich im besten Fall nur falsch verhalten. Hätte sie auf die Anzeige der Mutter nicht reagiert, würde ihr von englischer Seite diese Untätigkeit vorgeworfen werden. Die Beziehung zwischen England und der Türkei hätten sich zwangsläufig verschlechtert. Dadurch, dass sie auf die Anzeige reagiert hat, was ja nicht per se verwerflich ist, hat sie die Verschlechterung ihrer Beziehung zu Deutschland in Kauf genommen. Welche der beiden alternativen wäre die bessere gewesen? Zugegeben, beide Alternativen sorgen gleichermaßen für ein schlechtes Licht, dass auf die Türkei fällt.

Aus dieser Perspektive lässt sich die politisch Dimension, die der Fall Marco Weiss hat, nicht leugnen. In erster Linie wird sich das Drama also nicht juristisch, sondern nur politisch lösen lassen – unabhängig von der Schuldfrage.

Vorgeworfen werden kann der türkischen Regierung auf jeden Fall, dass sie unverhältnismäßig reagiert hat. Es wäre deutlich klüger gewesen, Marco erstmal im Hotel unter Hausarrest zu stellen und dann unmittelbar Gespräche mit der englischen und deutschen Regierung aufzunehmen. So hätten diplomatische Komplikationen bereits von Anfang an vermieden werden können. Dieser Fall ist neues Öl in das Feuer der gegenseitigen Resistements und wird von der Boulevardpresse genüsslich ausgeschlachtet. Das hilft weder dem mutmaßlichen Opfer noch dem angeblichen Täter.

Helfen wird Marco nur diplomatisches Fingerspitzengefühl. Die Polterei von Leuten wie Unionsfraktionschef Volker Kauder

Ich kann der türkischen Regierung nur zurufen: Wenn ihr den jungen Mann nicht freilasst, dann ist der Weg der Türkei nach Europa noch weit.

zerschlagen nur unnötig Porzellan. Über das abwertende „ihr” wollen wir gar nicht erst reden.

Was aber, um zum Anfang zurück zukehren, kann die Blogspähre beitragen? Wie kann sie helfen? Auf jeden Fall nicht durch Schweigen!

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