Ethik des Wegschauens

Ethik des Wegschauens

In Artikel eins unseres Grundgesetztes heißt es:

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Unabhängig davon, wie die eigene Einstellung zur Todesstrafe aussieht: der letzte Rest an Würde für die verbleibende Minuten auf Erden sollte niemanden genommen werden. Wenn zum an sich schon barbarischen Akt der Hinrichtung die Verhöhnung des Opfers dazukommt, dann scheint auch der letzte Rest an Würde sich verflüchtigt zu haben.

Das sich derzeit weltweit über das Video, welches die Hinrichtung von Saddam Hussein zeigt, empört wird, ist nicht nur verständlich, sondern geradezu geboten. Umso unverständlich ist daher das, was die Neue Westfälische aus Bielefeld dazu schreibt:

Wer sich bei uns über die im Netzt zu sehenden Videos entsetzt, muss sich fragen lassen, wer ihn zum Ansehen der Hinrichtung zwingt? Wir haben nicht in der Hand, was geschieht, aber wir können sehr wohl entscheiden, was wir vom Medienangebot konsumieren.

Der Kommentar bereitet einer Ethik des Wegschauens den Weg. Was ich nicht sehe, das passiert auch nicht. Wenn ich nicht sehe, wie unwürdig ein Mensch vor seinem Tod behandelt wird, dann gibt es auch keinen Grund, sich darüber zu empören.

Um eins klarzustellen: Nicht jeder, der sich über das Video empört, muss dies auch gesehen haben. Und es steht uns auch frei, das, was angeboten wird, zu kritisieren. Sonst könnte hinterher noch behauptet werden, durch unserer Schweigen hätten wird das Vorhandensein geduldet, wenn nicht sogar befürwortet.

2 Replies to “Ethik des Wegschauens”

  1. völlige zustimmung diesbezüglich von mir.
    (auch wenn ich mir jetzt irgendwie blöde vorkomme, nicht mehr dazusagen zu können. aber manchmal genügt ja auch einfach ein ‚positives feedback’…)

  2. Sehe ich auch so.

    Bezeichnend ist die ( weibliche )Bundesdeutsche Wegschau-ethik bezgl.eines verzweifelten Mannes,
    der am Baum steht, um sein Prostata-Leiden zu lindern.
    Statt wegzusehen, wird sich freudig ereifert…

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren