Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Selbst Neubauprojekte führen in Emden nicht zu einem Umdenken oder gar zu einer Verkehrswende. Chancen werden leider vertan.

Unbekanntes Wesen Fahrradfahrer

An manchen Tagen komme ich mir als Fahrradfahrer nicht als Exot vor. Die meiste Zeit über habe ich das Gefühl, von der autofahrenden Mehrheit als schrullig bis leicht bekloppt angesehen zu werden. „Wie kein Auto?“

Wenn man dann noch klarstellt, kein E-Bike zu haben und das Rad mit Muskelkraft anzutreiben, wird man endgültig abgestempelt. Gut, in Köln selber gehörte ich nicht zu den aktiven Fahrradfahrern (aus gesundheitlichen Gründen…), war aber auch kein Autofahrer (den Nerven zu liebe). Hier in Ostfriesland wird es besser, dachte ich. Flaches Land, da fahren die Menschen doch gerne Fahrrad. Nun, man fährt Fahrrad. Aber noch viel lieber Auto. Schließlich sind die Entfernung größer und andere Ausreden der Bequemlichkeit.

So was wie Autofreiheit auch nur anzusprechen, kann schnell zur Kreuzigung führen. Aber gut, das gilt nicht nur für Emden und Ostfriesland, sondern deutschlandweit, wie die Diskussion um einen Aufruf des ADAC bei Facebook zeigt. Der Automobilclub rief auf, zum Bäcker statt mit dem SUV mit dem Fahrrad zu fahren. Angesichts des Kriegs in der Ukraine würde das Benzin sparen und die Abhängigkeit von Ölimporten reduzieren. Ein möglicher Beitrag zum Schutz von Umwelt und Klima wird jedoch nicht erwähnt.

Autofahrer gegen Verkehrswende

Die Reaktion auf den Aufruf vom ADAC lesen sich, als hätte der Club einen generellen Verzicht aufs Auto gefordert. Man könne sich statt Benzin ja den Mitgliedsbeitrag künftig sparen hieß es mehrfach. Oder den Automobilclub wechseln. Die einzige Verkehrswende für solche Menschen ist die mit dem Auto in einer Sackgasse — nicht im übertragenen Sinne, wohlgemerkt.

Eine echte Verkehrswende ist jedoch nötig und unvermeidbar. In den Köpfen vieler Autofahrer:innen kommt das jedoch nicht oder noch nicht an. Für Verkehrsversuche in Emden gibt es hämische Kommentare. Chancen für neue Konzepte zumindest für ein kleines Stück Verkehrswende werden verspielt.

Beim neuen Bebauungsgebiet „Am Eisenbahndock“ entstehen nicht nur Wohnungen, sondern auch zusätzlicher Verkehr. Wie die Emder Zeitung heute berichtet, schätzt die Emder Stadtverwaltung den zusätzlich entstehen Verkehr auf 350 Fahrzeuge pro Tag ein. Es wäre lediglich eine Steigerung um neun Prozent, denn bisher sind an der Stelle 4.000 Fahrzeug täglich unterwegs. So kann man natürlich argumentieren.

Füllt man allerdings bei einem vier Liter umfassenden Eimer, der Rand voll ist, noch neun Prozent mehr Wasser rein, läuft es über. Im Rahmen einer Verkehrswende wäre es sinnvoll, über andere Konzepte nachzudenken. Die neuen Wohnungen liegen ziemlich zentral und verfügen über eine gute bis sehr gute Anbindung, um ohne Auto einkaufen zu können. Das wäre eine Chance, mal ein Modellversuch autofreies Wohnen zu starten.

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