Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Ungehinderte Gaslieferungen werden in Deutschland erneut über Menschenrechte gestellt. Ein peinlicher Schmusekurs mit den Despoten in Katar.

Grundschule als digitalfreier Raum

Von Schule habe ich keine Ahnung. Wie es derzeit in deutschen Klassenzimmer aussieht, erfahre ich nur aus zweiter Hand, denn ich bin lediglich mit einer Lehrerin verheiratet. Als berufliche Qualifikationen im Bildungsbereich zählt vermutlich auch nicht mein Lehramtsstudium (Primarstufe). Die Beschäftigung mit dem Thema Schule und Digitalisierung sowie digitalem Lernen in der Schule seit Mitte der 1990er Jahre ist auch unerheblich. Wie wir ja aus Nordrhein-Westfalen wissen, reicht es, um Schulministerin zu werden, wenn man jemanden kennt, der mal Schuldezernent gewesen ist.

Ich will jetzt aber gar nicht auf NRW oder FDP-Personal herumhacken. Schulpolitik vergeigen, das kann nämlich auch die SPD, sogar hier in Niedersachsen. Aktuell feiert man sich gerade, weil man die Einführung von Tablets ab der 1. Klasse fordert. Motte dahinter „Fortschritt, der alle mitnimmt“. Wer mich kennt, weiß von meinem Hang zu digitalem Lernen. Allerdings erst dann, wenn die Schülerinnen und Schüler in den Grundlagen sicher sind. Mindestens die ersten zwei Jahre in der Grundschule sollten ein digitalfreier Raum sein und auch bleiben. Eigene Geräte aber der dritten Klasse, auch das sehe ich skeptisch. Aus pädagogischer Sicht spricht wenig für eine solche Einführung. Dass dies auch noch 100 Millionen Euro jährlich kosten wird, ist ein Schlag in das Gesicht der Lehrerinnen und Lehrer. Selbst wenn die Scheichs aus Katar die Tablets spenden würden, wäre nichts gewonnen.

Gießkannenprinzip als Maxime

Gerade im Primarbereich ist das Personal längst über das Limit hinaus, von der schlechteren Bezahlung im Vergleich zu anderen Schulformen reden wir hier erst gar nicht. Das Geld wäre besser angelegt in die Verkleinerung der Klassen. Teilhabe am Bildungssystem lässt sich statt mit Tablets besser realisieren, wenn Lehrerinnen und Lehrer mehr Zeit haben, um sich individueller um die Schülerinnen und Schüler zu kümmern. Digitale Lehrmittelfreiheit statt Schulreformen — immerhin wird so sehr deutlich, welche Partei ich im Herbst nicht wählen werde.

Über das Thema könnte ich mich noch stundenlang aufregen. Schreiben von dem, was meine Frau täglich erlebt. Von den Wissenslücken der Schülerinnen und Schüler, die garantiert nicht darauf basieren, dass es bisher ab der 1. Kasse keine Tablets gab. Es gibt aber noch anderes, was mal wieder zum Gefühl führt, im falschen Film zu sein.

Öl und Gas aus Russland — aktuell ein heikles Thema. Da ist es verständlich, wenn man sich gerade in Deutschland nach Alternativen umsieht. Große Hoffnungen lägen da etwa auf Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck. Der besuchte jüngst Katar.

Menschenrechte made in Katar?

Da klingelt doch etwas im Kopf. Irgendwas mit Menschenrechte, für die die arabische Halbinsel nicht berühmt ist. Eher berüchtigt, denn noch Mitte Februar forderte der menschenrechtspolitische Sprecher der SPD (Frank Schwabe), die Fußball-WM in Katar komplett zu boykottieren. Hintergrund: Katar wird autoritär regiert, die Menschenrechtsbedingungen vor Ort geben seit Jahren Anlass zu Kritik. Die Situation bezüglich der Arbeitsbedingungen bei Migrantinnen und Migranten, die im Rahmen der Vorbereitung der Fußball-WM tätig sind, sollen katastrophal sein.

Frauen werden in Katar systematisch benachteiligt, die Meinungsfreiheit ist eingeschränkt. Auf Homosexualität bei Muslimen steht die Todesstrafe. Immerhin, Katar ist nicht im Besitz von Atombomben und hegt derzeit keine Neigungen, einen Angriffskrieg gegen ein Nachbarland zu führen. Man spezialisiert sich lieber auf Stellvertreterkriege, etwa im Jemen.

Mit so einem Land also verhandelt unsere Bundesregierung, um sich vom russischen Gas und Öl zu lösen. Man treibt den Teufel mit dem Beelzebub aus. Es ist beschämend, wenn Robert Habeck auch noch von einem „Türöffner“ für deutsche Geschäfte in Katar spricht.

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