Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Der russische Präsident schafft über Nacht neue Tatsachen. Kriegsangst im Westen ist die Folge des Truppeneinmarsches.

Echo aus der Vergangenheit

Keine besonders gute Nacht liegt hinter mir. Die Angst vor einem eskalierenden Krieg verfolgte mich bis in den Schlaf und darüber hinaus. Nach den Meldungen von gestern Abend war sie wieder da, die Kriegsangst. Eine alte Bekannte aus der Zeit des Kalten Krieges und vor allem aus dem Jahr 1991 — der Krieg der USA gegen den Irak infolge der Invasion Kuwaits durch den Irak.

Ein anderes Land, welches anketiert wurde und so eine militärische Reaktion seines Verbündeten auslöste. Nun ist die Ukraine weder Natomitglied noch ein Verbündeter, aber die Kriegsangst, sie ist wieder zurück bei mir.

Ziemlich gut kann ich mich an meine Gefühle von damals erinnern. An die große Demonstration in Bonn. An mehren Demonstrationen am Niederrhein und das Plakat mit einem deutschen Soldaten und dem Spruch „Ich sterbe gern für billiges Öl“. Die Lage: kompliziert, die Gefahr spürbar.

Auch an eine andere Demonstration erinnere ich mich, wo wir eine Menschenkette bildeten und „Hevenu schalom, schalom, schalom alejchem“ sangen. Nach einem Gottesdienst gegen den Krieg brannte auf die Nacht zum 16. Januar über Nacht ein Teelicht in meinem Zimmer. Ein stilles Gebet für den Frieden.

Klimakrise, Pandemie und Kriegsangst

Gestern Abend bestätigte der russischen Präsidenten Wladimir Putin die Anerkennung der von Separatisten besetzen ukrainischen Gebiete Donezk und Luhansk. Zuvor war dies bereits von der russischen Staatsduma gefordert worden. Die Ankerkennung von Donezk und Luhansk als „Volksrepubliken“ ist mehr als nur Affront. Es ist der Auftakt zu einem Krieg gegen die Ukraine.

Mit abstrusen Behauptungen (etwa der, dass die Ukraine einen Atomkrieg plane) lässt Putin jetzt russische Truppen zur „militärischen Hilfe“ in die beiden Volksrepubliken einmarschieren. Gleichzeitig spricht er der Ukraine das Existenzrecht ab. Die Ukraine sein kein stabiler Staat, sondern von Bürgerkriegen gezeichnet. Die Regierung sei eine Marionette des Westens. Es sei daher unabdingbar, dass die Russland zur Schutzmacht der Ukraine würde.

Im Westen ist man entsetzt über die Anerkennung von Donezk und Luhansk als eigenständige Republiken. Das sei eine eklatante Verletzung der ukrainischen Souveränität. Völkerrecht scheint den russischen Präsidenten wenig zu interessieren. Das einzige, was man zu seiner Ehrenrettung noch vorbringen kann: die mündliche Zusage des Westens als Voraussetzung der Wiedervereinigung Deutschlands, es würde niemals eine Osterweiterung der Nato geben, jat auch niemanden interessiert. Außer Putin, der ein gutes Gedächtnis für Verletzungen hat.

Zurück aber zur Kriegsangst. Der Westen wird die Handlungen Russlands nicht ohne Antwort lassen. Militärtische Hilfe für die Ukraine wird es wohl geben, Sanktion stehen außer Frage. Was passieren wird, darüber kann man nur spekulieren. Eine friedliche Einigung, soviel ist zumindest sicher, ist unwahrscheinlich.

Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, beschäftigte uns damals nur diese eine konkrete Angst vor dem Krieg. Anderes gab es auch, aber eher nebensächlich. Wer heute jung ist, hat die Pandemie im Nacken, sieht die Folgen der Klimakrise und muss jetzt noch einen Weltkrieg fürchten. Nein, jung möchte ich nicht mehr sein.

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