Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Für Menschen wie Sebastian Kurz ist ein politisches Amt nur ein Durchlauferhitzer Andere sehen das Amt als große Verantwortung.

Zapfenstreich nach 16 Jahren

Nach wie vor tue ich mich etwas schwer mit militärischen Ritualen, die in die Zivilgesellschaft gesickert sind. So zum Beispiel der Große Zapfenstreich zur Verabschiedung der Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die wünschte uns allen „Fröhlichkeit im Herzen“ und sich selber drei Lieder von der Militärkapelle, die noch mal ein Hauch Biografie der Kanzlerin zum Ausdruck brachten. Mit Nena Hagen „Du hast den Farbfilm vergessen.“ wurde mit Augenzwinkern an die ostdeutschen Wurzeln von Merkel erinnert — obacht, Nina Hagen bitte nicht verwechseln mit Nena. Nur letztere gehört geistig in die Nähe der Querdenker.

Von Hildegard Knef gab es „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ und schließlich zum Schluss etwas kirchliches für die Pfarrerstochter Angela Merkel mit „Großer Gott, wir loben dich“. Ehrlich, ich finde das eine starke Aussage und ganz anders, als „My Way“, welches sich Gerhard Schröder zu seinem Abschied wünschte. Für mich zeigt gerade im Abgang, welches politisches Selbstverständnis Merkel und Schröder trennte. Anders als ihr Vorgänger verstand sich Merkel ganz im Sinne von Friedrich des Großen als erste Dienerin des Staates. Verantwortung trägt halt jeder auf eine andere Weise.

Durchlauferhitzer statt Verantwortung

Wie es heißt, sei der ehemalige österreichische Kanzler Sebastian Kurz gestern von allen noch verbliebenen politischen Ämtern zurückgetreten. Natürlich nicht, weil er endlich einsichtig wurde und Verantwortung für die Affären und Skandale (wie die mit Steuergeld bezahlte Anzeigen) übernommen hat. Sondern um sich um seinen neugeborenen Sohn zu kümmern und die angebliche Hetzkampagne gegen ihn zu beenden. Nun denn.

Angela Merkel hat unser Land sechzehn Jahre lang durch eine Reihe von Krisen gesteuert und musste sich zuletzt auch noch mit der Corona-Pandemie herumschlagen. Für viele Entscheidungen trug sie die Verantwortung, prägte auch den politischen Stil. Sie wird nicht nur aufgrund ihrer lange Zeit im Amt in Erinnerung bleiben, sondern immer auch als erste Bundeskanzlerin Deutschlands.

Es ist eher nicht davon auszugehen, dass das Amt für sie nur ein Durchlauferhitzer für eine weitere Karriere gewesen ist. Persönlich kann ich mir die Alt-Bundeskanzlerin eher im Ruhestand als etwa als Handelsvertreterin für Gazprom vorstellen.

Kommende Woche soll ihr Nachfolger gewählt werden. Auf Olaf Scholz kommt direkt eine große Verantwortung zu, denn die Pandemie hat uns fester denn je im Griff. Wie lang und wie gut er das Amt ausfüllen wird, muss sich noch zeigen.

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