Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Apples Pläne zur Überwachung seiner Kunden sind ein Angriff auf Rechtsstaatlichkeit und Demokratie und eine Steilvorlage für Diktaturen.

Schändliche Frage

Da man in Zeiten von Social Media schneller auf dem Scheiterhaufen steht, als man Facebook sagen kann, erst mal der Disclaimer. Gewalt gegen Kinder und Kindesmissbrauch finde ich sehr schlimm. Es gibt dafür keine Rechtfertigung und auch kein Verständnis meinerseits. Mildernde Umstände für Täter sehe ich kritisch.

Dennoch, jeder Mensch hat, wenn er straffällig geworden ist, ein rechtsstaatliches Verfahren verdient. Lynchjustiz lehne ich genau so ab wie Vorverurteilungen. Dass ich Gegner der Todesstrafe bin, muss ich wohl nicht noch gesondert betonen.

Die Todesstrafe aber ist etwas, was bestimmten Menschen leicht über die Zunge geht, wenn es um Kindesmissbrauch geht. Selbstverständlich gilt hier, dass der Zweck (Kindesmissbrauch verhindern) nicht die Mittel heiligt. Schon gar nicht sollten wir in archaische Rechtssprechungen (Auge um Auge, Zahn um Zahn) verfallen.

Man stellt im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch aus gutem Grund nicht die Frage nach der Todesstrafe.

Wer bisher zustimmend genickt hat, wird gleich auf ein moralisches Dilemma stoßen. Es geht nämlich um die Pläne von Apple zur Überwachung der Kunden mit dem Argument, dadurch Kindesmissbrauch aufzuspüren und einzudämmen.

Nach Plänen von Apple soll künftig Bildmaterial ihrer Kunden sowohl in der hauseigenen Cloud als auch auf den Geräten selber automatisiert durchsucht werden, um verdächtige Fotos aufzuspüren. Die technischen Details dieser Form der Überwachung sind dabei zwar interessant, für die grundsätzliche Diskussion jedoch nicht relevant.

Grenzen der Überwachung

In Bezug auf diese Form der Überwachung sind wir wieder an dem Punkt, wo der Zweck eben nicht die Mittel heiligt. Was Apple hier macht, ist Grenzen zu verschieben. Privatsphäre und Datenschutz werden ad absurdum geführt. Ein Bereich wie Kindesmissbrauch, wo nicht wenige drastischen Maßnahme zustimmen, ist nur ein Türöffner für weitere Formen der Überwachung.

Was bei widerwärtigen Fotos möglich ist, ist technisch auch auf anderen Feldern kein Problem. Die durch Apple anvisierte Form der Auswertung weckt Begehrlichkeiten für ganz andere Formen der Überwachung, die weit über die Spyware Pegasus hinaus geht.

Pegasus wurde mehr oder weniger gezielt gegen Menschen, vor allem auch Regimekritiker eingesetzt. Gegen Personen, die ehedem schon auf einer schwarzen Liste standen. Was Apple dagegen macht, ist eine verdachtsunabhängige Totalüberwachung aller Kunden. Dafür gibt es keinerlei rechtsstaatliche Legitimation. Ein Privatkonzern maßt sich an, Polizei zu spielen. So was bringt mich zur Weißglut.

Apple verkauft längst nicht nur mehr Hardware, sondern wohl auch seine Kunden. Gleichzeitig wird mit allen Mitteln versucht, Steuern zu sparen. Ein Konzern, der meiner Meinung nach sein Ansehen längst verspielt hat.

2 Kommentare

  1. ich stimme Deinen Ausführungen bis auf einem Punkt zu. Dieser Punkt ist das Apple-Bashing, damit befindest Du Dich aber in wirklich bester Gesellschaft, überall wird deswegen gerade ungerechtfertigterweise auf Apple eingeschlagen. Irgendwie werden Ding anscheinend erst dann wichtig/interessant, wenn Apple es macht…

    Aber: andere Tech-Unternehmen – mindestens Microsoft, Google, Facebook, Twitter – scannen schon seit vielen Jahren (mindestens seit 2014, ich meine aber noch länger, dafür finde ich nur gerade keine Quellen) Fotos nach Kinderpornographie. Hier eine Quelle aus 2014: https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2014-08/kinderpornografie-google-microsoft-netzfilter
    Wer ein Android-Handy nutzt/die Bilder damit auf Google Drive/Photos ablegt, lässt seine Bilder also schon seit vielen Jahren von Google scannen. Ähnlich auch bei den anderen genannten.
    Übrigens funktioniert die von Google angebotene Suche in den eigenen Bildern (Google Photos) auch nur deswegen so hervorragend, weil Google die Bilder komplett gescannt hat – nur deswegen kann Google Photos beim Stichwort „Katze“ alle selbst gemachten Katzenbilder finden. Auch das schon seit Jahren.

    Die Unternehmen habe sogar eine Selbstverpflichung abgegeben, diverse Dinge gegen Kinderpornografie zu unternehmen, unter anderen eben genau das scannen der Bilder: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Selbstverpflichtung-Google-Co-wollen-Kinderpornografie-staerker-bekaempfen-4677205.html

    Speziell für in Chat versendete Bilder hat das EU-Parlament vor wenigen Wochen die Kontrolle ausdrücklich erlaubt: https://www.heise.de/news/EU-Parlament-erlaubt-flaechendeckende-Scans-nach-Kinderpornografie-6130267.html

    Kurzfassung der Situation: Es ist schwierig.

    1. Na ja, Apple-Bashing ist relativ. Bei mir ist das keine Modeerscheinung, sondern aus der Langzeitperspektive. Immerhin bin ich seit 1994 Apple-Kunde, lange vor dem iPhone Hype.

      Das andere auch so agieren, macht die Sache nicht besser und weniger kritikwürdig. Das Grundproblem bleibt: Konzerne übernehmen Aufgaben, die ihnen nicht zustehen. Ja, es ist schwierig und erfordert eine gesteigerte Wachsamkeit bei den Bürgerinnen und Bürgern.

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