Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Am Ende aller Lockdowns und der Corona-Pandemie ist Versöhnen erforderlich. Alles andere führt zur dauerhaften Spaltung der Gesellschaft.

Corona-Gedenktag

Es kommt selten vor, dass ich einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung zweimal lese. Der Text von Thomas Brussig „Konfetti und Ver­töchterung“ ist aber so bedeutsam, dass es sich geradezu anbietet, ihn ein zweites Mal auf sich wirken zu lassen. Brussig macht sich stark für einen nationalen Corona-Gedenktag. Der könnte seiner Meinung nach zum Beispiel auf den Tag fallen, an dem mehr als 70 Prozent der Deutschen geimpft sind. Oder wenn die Theater wider öffnen. Oder — es gibt seiner Meinung nach viele Möglichkeiten dafür.

Im Mittelpunkt steht das, was Brussig „Wunden heilen und Gräben zuschütten“ nennt. Also die Versöhnung und Vergebung. Wohlgemerkt, es geht nicht um das Vergessen, denn ein Gedenktag ist auch dazu da, sich jedes Mal aufs Neue dran zu erinnern und möglicherweise bei der nächsten Pandemie besser gewappnet zu sein.

Es mag merkwürdig klingen, was Brussig da versucht anzustoßen. Daher sollte man zweimal lesen, mindestens. Und seine Idee sacken lassen. Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr finde ich gefallen an einem Corona-Gedenktag. Aus tiefsten Herzen glaube ich, das unsere Gesellschaft Versöhnung dringend nötig hat.

Warum Versöhnen?

Ja, mir stoßen die Querdenker auch auf. Selbst die Querdenker „light“, die auch unter uns sind. So wie die stillen Spalter, die sich nicht äußern, aber frech die Beschränkungen umgehen. Menschen, die auf Abstand genau so pfeifen wie auf Anstand. Beim ersten Mal, als ich den Text von Thomas Brussig las, keimte Trotz in mir auf. Mich mit solchen Menschen versöhnen? Niemals!
Nun ist es aber so, dass wir zwar nicht unter demselben Dach, aber in der gleichen Gesellschaft leben. Auf Dauer müssen wir miteinander auskommen, sollten wir nicht eine schädliche Spaltung anstreben. Die Wunden, welche wir aus der Pandemie davon tragen, werden Narben hinterlassen. Auch narben in unserer Seele. Dennoch, wir müssen eine Heilung der Wunden anstreben. Versuchen, Gräben zu überwinden und aufeinander zugehen. Das verlangt beiden Seiten viel ab, egal in welchem Kontext.

Ohne Versöhnen und Vergeben kann eine Gesellschaft auf Dauer nicht erfolgreich weiter bestehen. Klar, so manche Querdenker wünscht man sich aufgrund ihrer kruden Vorstellungen dahin, wo der Pfeffer wächst. Wir sollten uns aber vor Augen halten, wie wenig von uns verlangt wird im Vergleich zu Gräben anderswo. Zum Beispiel protestantische und katholische Nachbarn in Nordirland. Oder Südafrika nach dem Ende der Apartheid.

Wir brauchen definitiv ein symbolisches Datum, vielleicht sogar mit einer großen Versöhnungsparty.

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