Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Kunst bedeutet nicht automatisch Narrenfreiheit. Unter deren Deckmantel darf man die Aktion #allesdichtmachen daher nicht abhaken.

Sau durchs Dorf

Mangels Twitter-Konsum ist doch glatt die jüngste durchs Dorf getriebene Sau an mir vorbeigegangen. Unter dem Hashtag #allesdichtmachen zeigen 50 Menschen die katastrophale Leere in ihrem Oberstübchen.

Aus der Süddeutschen Zeitung erfuhr ich heute, was 50 sogenannte Prominenten unter mittels #allesdichtmachen unters Volk brachten: Spot und Häme über die Coronapolitik der Bundesregierung. Eine differenzierte, sachliche Auseinandersetzung wäre vermutlich von der „Sperrsitze der deutschen Kultur“ zu viel verlangt.

Mich treiben drei Kernpunkte von #allesdichtmachen zur Weißglut. Tenor der Kampagne ist, dass alles Panikmache sei, die Maßnahmen der Bundesregierung übertrieben und vor allem die Medien gleichgeschaltet sind. Ehrlich, beim nächsten Vergleich mit dem Nationalsozialismus von Corona-Leugnern wünsche ich mir eine gute Fee zur Seite, die diese Vollidioten genau in jene Zeit versetzt.

Ja, mir geht der Lockdown auch auf die Nerven. Nach wie vor habe ich keinen Impftermin in Aussicht, werden ich von nicht wenigen weiß, die sich ihre Impfung mehr oder weniger erschlichen haben. Bei so was könnte ich auch kotzen. Gerechter wäre da eine Lotterie mit Geburtstagen oder Ähnlichem.

Zurück aber zu denjenigen, die sich zu weit aus dem Fenster gelehnt haben. Natürlich gibt es ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Nach meinem Empfinden überschreitet die Verbreitung von Falschinformationen aber eine Grenze.

Für Querdenker #allesdichtmachen

So wie ich das sehe, lässt sich Aktivisten von #allesdichtmachen durchaus zu den Querdenkern dazu zählen. Laut SZ hat zum Beispiel der Schauspieler Richy Müller eine Atmung mit zwei Plastiktüten zur Vermeidung eines direkten Kontakts mit der Raumluft empfohlen und demonstriert. Möglicherweise hat er das ernsthaft praktiziert, denn bekannterweise führt eine Unterversorgung des Körpers mit Sauerstoff zu Hirnschäden.
Richy Müller ist unter anderem bekannt aus „Tatort“. Der läuft bei der ARD und diese ist wiederum eine Anstalt öffentlichen Rechts. Worauf ich hinaus will: Für solche Typen ist kein Platz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Dass der künftig weiterhin aus meinem Kulturbeitrag bezahlt wird, ist für mich eine Zumutung.

Angesichts von über 80.000 Covid-Toten allein in Deutschland ist #allesdichtmachen einfach nur gruselig. Mitgefühl, Verständnis — such man bei den Aktivisten vergeblich. Vermutlich bilden sich ganze Toten ihren Lebensverlust auch nur ein, sind eh nur erfundene Personen oder wären ehedem gestorben.

Wer wie diese bekannten Schauspieler mit Corona-Verharmlosern und Verleugnern gemeinsame Sache macht, muss mit Konsequenzen rechnen. Unsere Gesellschaft darf es sich nicht gefallen lassen, wenn auf diese Weise weiter Öl ins Feuer geschüttet wird. Das kann schnell zu einem gefährlichen Flächenbrand gehören. Mit Ironie hat die Aktion auch nichts zu tun. Eher mit Zynismus.

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