Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Trotz und gerade aufgrund des Lockdowns vergeht die Zeit wie im Flug. Ein halbes Jahr ist wie ein Wimpernschlag um.

Ostfriesland mit Neuzugang

Kaum kehrt man der Zeit auch nur kurz den Rücken zu, entschwindet sie durch die Hintertür. Es fühlt sich kaum fassbar an, bereits ein halbes Jahr in Emden zu wohnen. Letztes Jahr um diese Zeit, kurz vor dem ersten Lockdown, bestand Ostfriesland für meine Frau und mich hauptsächlich als Idee.

Es gab dieses Vorstellungsgespräch im November 2019, nach zog sich das Prozedere jedoch verdammt lang hin. Bis zum Zeitpunkt, an dem die Zusage eindeutig wurde und wir auch einen Termin für den Umzug ins Auge fassen konnten, verging die Zeit in Zeitlupe. Von Dezember 2019 sollte es noch ein halbes Jahr dauern, bis wir Klarheit hatten. In den Wochen und Monaten fühlte sich Köln für uns zunehmend unwirklicher an. Mit Gedanken (und dem Herz sowieso) bereits in Ostfriesland, schleppten wir uns durch die Tage. Der Lockdown im März 2019 machte die Situation nicht gerade erträglicher. Uns wurde dadurch auch die Gelegenheit genommen, richtig Abschied zu nehmen. So sehr ich manchmal auch über Köln lästere und gelästert habe, ein paar Ecken und Dinge gefielen uns doch. Etwa die Nähe zur Eifel und zum Siebengebirge. Oder aber die Möglichkeit, mal eben unkompliziert essen zu gehen (sofern es denn ohne Reservierung einen freien Platz gab).

Emden ein halbes Jahr

Ein halbes Jahr ist viel Zeit, um eine neue Stadt zu erkunden, neues zu entdecken und auf nette Menschen zu treffen. Auch hier in Ostfriesland lockt ein breites kulturelles Angebot, von den anderen grandiosen Freizeitmöglichkeiten reden wir erst gar nicht. Hinzu kommt in Emden auch noch die Nähe zu Borkum, was für uns den Ausschlag für diese Stadt gegeben hat.

Unter normalen Umständen hätte ein halbes Jahr gereicht, sich ein gutes Stück weit einzuleben. Die Pandemie verhinderte das jedoch. Nach wie vor kenne ich viel zu wenig von der Seehafenstadt. Sicher könnte ich mich auch trotz Lockdown auf den Weg machen, aber vernünftig ist so was eigentlich nicht. Aufhalten kann man sich nur in freier Natur, der Rest ist geschlossen — und wird es wohl auch noch bleiben, wenn ich mit meiner Vermutung für morgen richtig liege.

Momentan könnte ich am Schreibtisch auch in einem Zimmer mit Fototapete statt Fenster sitzen, es würde keinen Unterschied machen. Tag für Tag nimmt die Anspannung zu, dieses Gefühl endlich loslegen zu können mit dem neuen Leben in Ostfriesland. Tatsächlich ist dann jeder Tag eine neue Enttäuschung, der Umzug erscheint wie der Tausch eines kleinen Gefängnisses gegen ein deutlich größeres.

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