Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Vorabendserie sind so was wie das Vorglühen für die richtige Abendunterhaltung. Bei Morden im Norden ist man jedoch für den Rat bedient.

Schimpfwort Vorabendserie

Die letzte Folge einer Staffel lässt einen mit einem Gefühl der Leere zurück. Dieses Gefühl ist umso größer, je mehr Fragen überbleiben. So ging es meiner Frau und mir gestern Abend nach Folge 10 der 5. Staffel von Expanse. Eine Staffel, die aufgrund einer der Hauptfiguren zum Teil nervig bis anstrengend war. Aber ich will an dieser Stelle hier nicht spoilern. Mir geht es auch nicht um die nach wie vor großartige Serie Expanse, sondern um das, was im deutschen Fernsehen im Vorabendprogramm zu finden ist.

Da gestern der Abend nach Expanse noch jung war, wollten wir noch weiter auf dem Sofa abhängen. Wir wechselten zur ARD-Mediathek und zu unserem Lieblingssender NDR und entdeckten „Morden im Norden“. Kann man ja mal ausprobieren, so unsere gemeinsame Meinung. Allein der Vorspann hätte bereits misstrauisch machen sollen. So viele Figuren, wie da eingeblendet wurde — in knapp 50 Sendeminuten kann so was eigentlich nicht gut gehen.

Am Ende wussten wir dann, dass sich der Titel der Folge von Morden im Norden, „Freier Fall“, wohl eher hauptsächlich auf die Handlung bezog. Die stürzte nämlich ins Bodenlose. Dabei fing es vielversprechend an. Fast jedenfalls, den die Jugendliche in der ersten Szene überzeugten nicht durch schauspielerische Talent. Dafür gab es aber Pluspunkte für den Pizzaboten.

Lasst das Morden im Norden

Nach Zustellung der Lieferung steigt der Pizzabote bei 1:36 wieder in seinen Wagen und schaut noch mal, wie viel Trinkgeld er bekommen hat:

30 Cent Trinkgeld Alter, stirb doch an deinem Geiz.

Just in diesem Moment klatscht ihm der Kunde auf die Motorhaube. Da fällt einem auch nur „Ach du Scheiße“ ein. Wenn Wünsche ungewollt Wirklichkeit werden. Nach der Einstellung kann man im Prinzip abschalten, denn es wird nicht besser bei Morden im Norden. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll mit der Kritik. Die wenig überzeugenden Jungschaupspieler hatten wir bereits. Zu denen gesellt sich eine Mutter, die völlig abdreht und die zwei Kommissare übertölpelt. Dass die nicht von alleine auf dem gleichen Weg das Haus der Angehörigen des Opfers verlassen, auf dem sie reingekommen sind, muss man nicht verstehen.

Auch nicht, warum Rettungswagen zugeparkt werden und die Mutter ungehindert in das Krankenzimmer des Opfers eindringen kann. Zwei weitere Ermittlerinnen hätten nämlich genügen Zeit gehabt, das Krankenhaus zu verständigen, um genau das zu verhindern. Unzurechnungsfähig hätte die Mutter alles Mögliche anstellen können. Stattdessen aber turnt im Hintergrund ein Arzt mit Stethoskope herum — damit man sieht, dass er ein wichtiger Arzt ist.

Schwarz-Weiß im Fernsehen

Obwohl wir schon seit Jahrzehnten Farbfernseher haben, laufen immer noch Schwarz-Weiß-Filme darin. Filme, bei denen es nur so tropf vor lauter Klischees. Morden im Norden reiht sich da unrühmlich ein. Ein böser Onkel, der möglicherweise ja den Stoß aus dem Fenster verdient hat, weil er seinem krebskranken Bruder die finanzielle Unterstützung verweigert.

Ein sturer Bäcker, der am Traditionsgeschäft festhält, obwohl seine Kinder beruflich eine völlig andere Richtung einschlagen. Und natürlich hat der Drogendealer und Hehler einen Migrationshintergrund. Sagt mal, geht’s noch? Die Figur auch noch als lüsternden potenziellen Vergewaltiger darzustellen, ist echt übel.

Im Übrigen endet die Folge von Morden im Norden dann so, dass die Familie wieder glücklich vereint und der Onkel geläutert ist. Der Türke wandert natürlich in den Knast. Einfach nur zum kotzen. Bei solchen Vorabendserien verbringe ich überzählige Zeit lieber mit Hausputz.

Ach ja, es bleibt wohl ein Geheimnis, warum und für wen der Onkel vormittags Pizza bestellt hat.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.