Von allen guten und bösen Geistern verlassen

So was wie Normalität ist nach wie vor nicht in Sichtweite. Trotzdem muss in einigen Bereichen der Ball weiter rollen.

Mitleid mit Millionären

Jeden Tag aufs Neue stelle ich mich der Herausforderung, mich nicht zu sehr über die aktuelle Situation aufzuregen. Wobei nicht der Lockdown an sich ist das Problem, sondern systematische Ungerechtigkeit und das bescheuerte Verhalten einiger Mitmenschen.

Nur mal so zum mitärgern. Meine Frau gratulierte gestern einem ehemaligen Kollegen aus Nordrhein-Westfalen zum Geburtstag. Der bedankte sich dann per E-Mail und schrieb dazu schwärmerisch, wie toll es doch hier oben in Ostfriesland sei. Er wäre in den Weihnachtsferien in Aurich gewesen. Eine andere Kollegin an derselben Schule, die aus Leer stammt und dort auch Verwandtschaft hat, hielt sich in den Weihnachtsferien an die Regeln und blieb in NRW. Statt Verwandtenbesuche gab es einsame Wanderungen in der Eifel.

Über Gerechtigkeit weiter streiten kann man auch anhand einer anderen Schlagzeile. Am vergangene Wochenende besiegte der 1. FC Köln Arminia Bielefeld mit einem 3:1. Bitte was? Warum zum Henker finden noch Fußballspiele statt? Als Normalbürger soll ich möglichst eine FFP2-Maske tragen und mindestens 1.50 Meter Abstand zu anderen Menschen halten. Sind die Fußballmillionäre systemrelevant? Vermutlich rollt der Ball, damit der Rubel rollt.

Friseure ohne Ball

Der Ball ist rund, ein Spiel dauert 90 Minuten. Viel Zeit, um andere anzustecken. Ein durchschnittlicher Friseurbesuch ist kürzer. Ehrlich gesagt ist mir die Beschäftigung mit Fußball auch in diesen Zeiten herzlich egal. Darüber können sich andere einen Kopf machen, ich halte den Ball lieber flach und beschäftige mich der deutlich konkreteren Ungerechtigkeit, die sich auch hier vor Ort spüren lässt.

Ebenfalls am vergangene Wochenende ließen in Emden einige Friseure über Nacht ihre Beleuchtung unter dem Motto „Wir brennen für unsere Kunden“ an, um auf ihre Notsituation aufmerksam zu machen. Mit dabei mein Friseur, der Obermeister der hiesigen Friseurinnung. In der Emder Zeitung wurde darüber ausführlich berichtigt. Es bestätigt, was ich befürchtet habe. Die Lage ist definitiv dramatisch. Anders als etwa Restaurant kann eben nicht „to go“ verkaufen oder etwas zum abholen an die Ladentür hängen. Damit gehören die Friseure zu den Verlierern des Lockdowns mit wenig Hoffnung auf angemessene finanzielle Hilfe.

Lassen wir mal wild weiter wachsende Haare aus dem Spiel. Mir stellt sich die Frage, warum eine Berufsgruppe, die sich transparent an alle Hygiene-Regeln gehalten hat, so hart bestraft wird (anders kann man es nicht nennen). Bereits nach dem ersten Lockdown wurde jeder Kunde beim Friseur mit seinen Daten erfasst, es wurde auf Abstand und Hygiene geachtet wie sonst nur in wenige anderen Bereichen.

Rote Karte für Ungerechtigkeit

Persönlich bestand für mich im Sommer zum Beispiel ein deutlich höheres Risiko, mich bei einer Zugfahrt anzustecken als beim Friseur. Nach wie vor kann ich nicht nachvollziehen, wieso es rechtlich einwandfrei war, über mehre Tagen ein Dutzend Handwerker im Haus zu haben, während die Friseure weiterhin geschlossen blieben. Nachvollziehbar, dass sich einige der Betroffenen fühlen, als hätte man ihnen ein Berufsverbot erteilt.

Doch noch mal zurück zum Profifußball. Meiner Meinung nach ist es eine schreiende Ungerechtigkeit, wenn Sportler aus sehr guten Einkommensgruppen weiterhin ihrer Beschäftigung nachgehen dürfen, während am anderen Ende der Einkommensskala die Friseure seit Mitte Dezember nur noch Däumchen drehen und ihr letztes Erspartes aufbrauchen.

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